Samstag, 25.03.2017

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Projektinformation


Anfang der neunziger Jahre waren ausbeuterische Formen der Kinderarbeit in der südasiatischen Teppichindustrie sehr verbreitet. Zwar gab es keine zuverlässigen Daten über das Ausmaß der Kinderarbeit, doch legten Schätzungen selbst bei vorsichtiger Interpretation nahe, dass damals mindestens eine Million Kinder in der indischen, nepalischen und pakistanischen Teppichindustrie beschäftigt war.

Im nordindischen "Teppichgürtel" – aus dem rund 90 Prozent aller Teppichexporte Indiens stammen – arbeiteten 1991 nach einer (im Auftrag der Internationalen Arbeitsorganisation ILO erstellten) Schätzung rund 350.000 Kinder unter 14 Jahren - zwischen 50 und 70 Prozent aller Knüpfer der Region! Hinzu kamen Kinder, die dem Knüpfen vor- und nachgelagerte Tätigkeiten, wie Sortieren der Wolle oder Waschen der Teppiche, ausübten: nach der zitierten ILO-Studie allein im Teppichgürtel 70.000 Kinder. Damit waren Anfang der neunziger Jahre in keinem anderen Bereich des indischen Verarbeitenden Gewerbes so viele Kinder beschäftigt wie in der Teppichindustrie.

In der nepalischen Teppichindustrie waren Anfang der neunziger Jahre nach der stichprobengestützten Schätzung einer Kinderrechtsorganisation 150.000 Kinder beschäftigt (rund 50 Prozent der Gesamtbeschäftigten).

In Pakistan schätzte eine 1992 von Unicef und der pakistanischen Regierung erstellte Studie die Zahl der "Teppichkinder" auf rund 900.000 (etwa 90 Prozent aller Beschäftigten in der Teppichindustrie).

Die meisten dieser Kinder arbeiteten unter unvorstellbaren Bedingungen: Die Arbeit in der Teppichindustrie, vor allem das Knüpfen, ruinierte die Gesundheit. Bereits sehr junge Kinder mussten arbeiten. Der Arbeitstag für die Kinder war in der Regel sehr lang, selten endete er vor zehn und manchmal erst nach 14 oder 16 Stunden, ein Schulbesuch war daher unmöglich. Die Kinder wurden extrem schlecht bezahlt. Und schließlich war unter den "Teppichkindern" der Anteil der Kindersklaven hoch, die als Schuldknechte in der Regel ohne Lohn zur "Tilgung" von Schulden ihrer Eltern arbeiten mussten.

Der Kampf gegen die Ausbeutung der Kinder in der Teppichindustrie

Schon seit den frühen 80er Jahren engagieren sich südasiatische Menschenrechtsgruppen im Kampf gegen Kinderarbeit in der Teppichindustrie. Ihre Bitte um Unterstützung haben Hilfsorganisationen in vielen Staaten Europas und in Nordamerika aufgegriffen und in ihren jeweiligen Ländern entsprechende Kampagnen gestartet.

In Deutschland bereiteten Anfang der neunziger Jahre die Aktion "Brot für die Welt", das Bischöfliche Hilfswerk Misereor und terre des hommes die Kampagne gegen Kinderarbeit in der Teppichindustrie vor und beauftragten im September 1993 die Werkstatt Ökonomie mit der Koordination der Kampagne. Im Jahre 1995 stieß das Deutsche Komitee für Unicef zum Trägerkreis der Kampagne.

Gemeinsam mit südasiatischen Menschen- und Kinderrechtsorganisationen der South-Asian Coalition on Child Servitude (SACCS) ging es der Kampagne gegen Kinderarbeit in der Teppichindustrie um die Schaffung von Erwerbsarbeitsplätzen für Erwachsene: Würden statt der Kinder Erwachsene Teppiche knüpfen und dafür ausreichend entlohnt werden, könnten die betroffenen Familien ihre Kinder statt zur Arbeit in die Schule schicken. Außerdem entstünde mit der Verbesserung der sozialen Lage der Familien Kaufkraft, die zur Entwicklung der betroffenen Regionen beitragen könnte.

Daher entwickelten SACCS und die deutsche Kampagne die Idee eines Warenzeichens für Teppiche von Herstellern, die auf Kinderarbeit verzichten. Mithilfe des deutsch-indischen Gemeinschaftsprojektes IGEP (Indo-German Export Promotion Project) konnte diese Idee Wirklichkeit werden.

Das Warenzeichen RUGMARK

Die internationale Initiative gegen illegale Kinderarbeit in der Teppichindustrie RUGMARK wurde 1995 gemeinsam von indischen Nichtregierungsorganisationen, deutschen und internationalen Hilfswerken und der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit initiiert (GTZ). Das Ziel ist die Bekämpfung der illegalen Kinderarbeit in Indien. 1996 kam Nepal dazu, 1998 Pakistan.

Die RUGMARK-Initiative vergibt ein international registriertes Siegel für Teppiche, die nach den RUGMARK-Kriterien geknüpft wurden. Das RUGMARK-Konzept verfolgt dabei zwei Strategien: 1. Kontrolle und Zertifizierung der Produktion vor Ort, 2. Sozialprogramme für (ehemalige) Kinderarbeiter und deren Familien.

Die RUGMARK-Initiative arbeitet sowohl in den Produktions- als auch in den Absatzländern: In den Produktionsländern Indien, Nepal und Pakistan kontrolliert sie die Einhaltung der RUGMARK-Kriterien bei Herstellern und Exporteuren. In Deutschland (als weiterhin größtem Absatzland), der Schweiz, Schweden, Italien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Großbritannien, Kanada und den USA stehen Bewusstseinsbildung, Öffentlichkeitsarbeit und die Betreuung des Fachhandels im Vordergrund. Hier müssen die Käuferinnen und Käufer über die Notwendigkeit eines sozialverträglichen Teppichhandels informiert und möglichst viele Handelsfirmen davon überzeugt werden, verstärkt Teppiche mit dem RUGMARK-Siegel anzubieten.

So arbeitet RUGMARK in den Knüpfländern

Wenn ein Teppichhersteller eine RUGMARK-Lizenz anstrebt, unterzeichnet er eine rechtsverbindliche Erklärung, in der er eidesstattlich versichert, folgende Kriterien zu erfüllen:

Keine Beschäftigung von Kindern unter 14 Jahren (Ausnahme: In traditionellen Familienbetrieben dürfen Söhne, Töchter und Geschwister des Knüpfstuhlbesitzers mitarbeiten, wenn sie RUGMARK gegenüber den regelmäßigen Schulbesuch nachweisen);
Offenlegung der Aufträge gegenüber dem RUGMARK-Büro;
Akzeptieren von unangekündigten Kontrollen zu jeder Zeit;
Zahlung von wenigstens den gesetzlichen Mindestlöhnen an die erwachsenen Knüpfer;
Zahlung von 0,25% des FOB-Wertes der Exportware an RUGMARK zur Deckung der laufenden Kosten des Kontroll- und Siegelsystems.

Anschließend händigt er der RUGMARK-Foundation eine vollständige Liste der von ihm beschäftigten Knüpfstühle aus und gestattet Zutritt und Inspektion ohne Anmeldung. Die RUGMARK-Inspektoren  suchen die Knüpfstühle im Stichprobenverfahren auf und kontrollieren die Angaben. Wenn keine Kinderarbeit gefunden wird, erhält der antragstellende Teppichhersteller eine nummerierte Lizenz.

RUGMARK vergibt sein Zeichen nur für laufende Aufträge, nicht für anonyme Lagerware. Sobald der Auftrag beim Lizenznehmer vorliegt, erhält das RUGMARK-Büro eine Kopie und gleichzeitig die Möglichkeit, den kompletten Auftrag während der Herstellung unangemeldet zu inspizieren. Die hauptamtlichen und unabhängigen RUGMARK-Inspektoren fertigen Besuchsberichte von den Knüpfstühlen sowie der Art, Farbe und Größe der dort entstehenden Teppiche an.

Wenn der Auftrag fertig gestellt ist, bekommt der Lizenznehmer eine genaue Anzahl von Etiketten zugeteilt. Anhand der Packliste erhält jetzt jeder Teppich eine individuelle Nummer, der Angaben über Art, Farbe und Größe zugeordnet werden. Die Daten müssen mit denen der Besuchsberichte übereinstimmen. Die komplette Liste wird von RUGMARK gespeichert. 

Im Fall von Verstößen, zum Beispiel z.B. Anwesenheit von Kindern unter 14 Jahren an den Knüpfstühlen, die nicht zur Familie gehören, leeren Plätze an den Knüpfstühlen, für die es keine plausible Erklärung gibt, unwahren Angaben über das Alter der Kinder, fehlenden Nachweisen über den regelmäßigen Schulbesuch der Familienmitglieder usw., erhält der Lizenznehmer acht Tage Zeit, um den Mangel zu erklären. Trifft die Erklärung nicht rechtzeitig ein oder fällt sie unbefriedigend aus, werden für den gesamten Auftrag keine Siegel zugeteilt. Der Exporteur läuft Gefahr, auf dem Auftrag sitzen zu bleiben. Wenn wiederholt Beanstandungen auftreten, droht der Entzug der kompletten RUGMARK-Lizenz. Damit würde für den Exporteur ein bedeutender Markt verloren gehen.

Sozialprogramme: Lebensperspektive für die Kinder

Die Inspektionen sind ein unverzichtbarer Teil des RUGMARK-Systems. Dieser Teil der Arbeit allein wäre aber wenig sinnvoll, wenn für die Kinder keine Alternativen geschaffen würden. Ausbildung, Wissen und Fertigkeiten sind die wichtigsten Schlüssel, um aus dem Teufelskreis von Armut, Verschuldung und Perspektivlosigkeit auszubrechen. Deswegen muss der Schwerpunkt der Sozialprogramme auf Schule und Ausbildung liegen. Mit einer guten Grundbildung und beruflichen Vorkenntnissen verbessern sich die Zukunftsaussichten der Kinder und Familien.

Daher zahlen die Importeure von RUGMARK-Teppichen mindestens ein Prozent des Importwertes ihrer Tepiche an RUGMARK. Dieser Betrag fließt zurück in die Knüpfländer und wird dort zur Finanzierung von Sozialprogrammen für ehemalige Teppichkinder und Kinder aus Knüpferfamilien verwendet. So wird sicher gestellt, dass die befreiten Kinder nicht in neue soziale Notlagen geraten. Über die Verwendung der Mittel wird regelmäßig berichtet.

Die Hilfswerke Brot für die Welt, Misereor, terre des hommes und Unicef arbeiten mit RUGMARK und anderen Nichtregierungsorganisationen zusammen. Sie haben zusätzlich eigene Budgets zur Verbesserung der Situation bereitgestellt. Weitere Projekte werden von den örtlichen Partnern der Hilfswerke geführt, so zum Beispiel das Rehabilitationszentrum Mukti Ashram in Indien, getragen von SAACS.

Die einzige wirksame Hilfe für ehemalige Kinderarbeiter besteht in Alternativen wie Schulen, Sozialprogrammen, beruflicher Bildung. Ohne diese Alternativen besteht das große Risiko, dass die Kinder in andere, vielleicht noch gefährlichere Branchen als Arbeiterinnen und Arbeiter abwandern.

RUGMARK: Eine Erfolgsgeschichte, die weiter Unterstützung braucht

Das Engagement gegen ausbeuterische Kinderarbeit in der Teppichindustrie ist eine erstaunliche Erfolgsgeschichte: Die Kinderarbeit im indischen "Teppichgürtel" konnte zumindest in dessen Kerngebiet deutlich zurückgedrängt werden. In Nepal knüpfen fast keine Kinder mehr Teppiche. Die Kampagnen gegen Kinderarbeit in der Teppichindustrie haben in Indien und Nepal die Problematik ausbeuterischer Kinderarbeit grundsätzlich auf die sozialpolitische Tagesordnung gesetzt und eine Fülle von Aktivitäten für die Rechte der Kinder angestoßen. Der organisatorische Aufbau von RUGMARK ist mit der Arbeitsaufnahme des internationalen Dachverbandes RUGMARK International e.V. im Mai 1999 abgeschlossen. In diesem Verein mit Sitz in Köln arbeiten die RUGMARK-Gesellschaften der Herstellerländer Indien, Nepal und Pakistan und der Käuferländer Deutschland, USA und Kanada zusammen. In weiteren Ländern sind RUGMARK-Initiativen im Entstehen.

Und in Deutschland konnte das RUGMARK Deutschlandbüro bei Transfair e.V., einer führenden Organisation im Bereich des Fairen Handels, angesiedelt werden: Beraten wird das RUGMARK Deutschlandbüro durch einen Beirat, in dem Vertreterinnen und Vertreter der Trägerorganisationen der bisherigen Kampagne gegen Kinderarbeit in der Teppichindustrie und der deutschen RUGMARK-Lizenznehmer zusammenarbeiten. Den Vorsitz des Beirates hat der frühere Bundesarbeitsminister Dr. Norbert Blüm übernommen.

Damit hat die Kampagne gegen Kinderarbeit in der Teppichindustrie ihre Ziele erreicht. Allerdings wird RUGMARK nur dann auf Dauer Erfolg haben, wenn die Nachfrage nach RUGMARK-Teppichen weiter wächst: RUGMARK ist auch künftig auf Ihre Unterstützung angewiesen. Daher werden die Brot für die Welt, das Bischöfliche Hilfswerk Misereor, terre des hommes und das Deutsche Komitee für Unicef auch in Zukunft für RUGMARK werben und weiterhin Projekte für ehemalige Kinderarbeiterinnen und -arbeiter in den südasiatischen Knüpfregionen unterstützen.

Die Werkstatt Ökonomie schließlich wird die Entwicklung von RUGMARK aufmerksam begleiten, auch wenn sie sich (nach Beendigung der Kampagne gegen Kinderarbeit in der Teppichindustrie) anderen Arbeitsschwerpunkten zuwenden kann.







       

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