Samstag, 25.03.2017

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KASA, Wir werden uns Gehör verschaffen! Die Witwen von Marikana kämpfen für Gerechtigkeit und Wiedergutmachung  | 2014


Rustenburg liegt in der Nordwest-Provinz Südafrikas. Die Stadt, deren Name Ort der Ruhe bedeutet, erlangte großes mediales Aufsehen als eine der zehn Gastgeberstädte der Fußballweltmeisterschaft 2010. Rustenburg ist Sitz der Distriktverwaltung Bojanala Platinum, zu dem auch Marikana gehört - ein kleiner Ort, der seit dem 16. August 2012 in Verbindung mit einem der größten Massaker Südafrikas seit den Ereignissen in Sharpeville 1960 gebracht wird. An diesem Tag allein fielen 34 streikende Minenarbeiter der Polizeigewalt zum Opfer. Wie konnte eine solche Katastrophe im demokratischen Südafrika geschehen, auf dessen ANC-geführter Regierung nun eine ebenso große Schuld zu lasten scheint wie auf der Führung des Apartheid-Regimes nach den Vorkommnissen in Sharpeville und Soweto? Eine Chronologie der Ereignisse, die am 16. August zum Massaker führten, ist dieser Publikation zu entnehmen. Die vorliegenden Texte wollen auf die vielen offenen Fragen eingehen, die dieses Massaker aufwirft: Ist das Massaker von Marikana nur als „Betriebsunfall“ einzustufen, der auf die Panikreaktion einer scheinbar schlecht ausgebildeten und überforderten Polizei zurückzuführen ist, die von sich behauptet, nur in Notwehr reagiert zu haben? Wollten die Polizisten vielleicht ihre zwei Tage davor umgekommenen Kollegen rächen? Oder reagierte die Polizei auf Druck von Lonmin mit Brutalität, um den zu diesem Zeitpunkt außer Kontrolle geratenen Streik im Bergbausektor ein für alle Mal zu beenden und die finanziellen Verluste dadurch zu begrenzen? Sollte letzteres der Fall gewesen sein, was wussten davon Polizeichef und Innenminister und wie weit reichen die Verantwortlichkeiten in den Regierungsapparat hinein? Es sind einige der Fragen, die die Untersuchungskommission, um den ehemaligen Richter Ian Farlam klären soll. Für die Familien der Opfer, die in dieser Broschüre zu Wort kommen, besteht kein Zweifel daran, dass die Polizei den Auftrag hatte, den Widerstand der Streikenden mit allen Mitteln zu beenden. Sie kämpfen mit den Traumata, die dieses Massaker verursacht hat und stellen die Verantwortlichen von Lonmin und der Regierung zur Rede.

Um die Ereignisse von Marikana besser verstehen zu können, empfiehlt es sich, den südafrikanischen Kontext vor Augen zu führen. Das Apartheid-System war, in seiner ökonomischen Komponente, eine „planmäßige und systematische Verlagerung von Land und Ressourcen von Schwarz nach Weiß.“ Nach dem Ende der politischen Apartheid vermochte die dreigliedrige Regierung aus ANC, Kommunistischer Partei (SACP) und Gewerkschaftsbund (COSATU) keine Maßnahmen zu treffen, die dieser Ungleichheit grundlegend entgegenwirkten. Im Gegenteil führte die neoliberale Ausrichtung der Wirtschaftspolitik Südafrikas vor allem ab 1996 zu einer Verschärfung der Kluft zwischen Arm und Reich, wobei sich zu den alten weißen Reichen eine kleine schwarze Elite gesellte. Gemeinsam kontrollieren sie die Ressourcen des Landes zu ihrem eigenen Vorteil und zum Nachteil der Mehrheit der Bevölkerung.

Die Minenarbeiter von Marikana erleben somit in vielerlei Hinsicht eine Fortsetzung dessen, was unter der Apartheid begann: Menschen aus verschiedenen Regionen Südafrikas und aus Nachbarländern verlassen ihre Heimat, um in den Minenregionen nach Arbeit zu suchen, wo sie wo sie gezwungen werden, unter prekären Verhältnissen zu leben und ihre Familien aus der Ferne mit dem Wenigen, was ihnen bleibt, zu unterstützen. Ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen stehen im eklatanten Widerspruch zu den von den Minengesellschaften wie Lonmin, Amplats oder AngloGold Ashanti eingefahrenen Gewinnen5. Um gegen diese fundamentale Ungerechtigkeit und die Fortsetzung der Apartheid-Verhältnisse zu protestieren, haben die Minenarbeiter von Marikana einen Arbeitskampf für gerechte Löhne und bessere Arbeits- und Lebensbedingungen aufgenommen, der in einem brutalen Massaker endete.

Die Texte der Hinterbliebenen in dieser Broschüre zeugen von dem Schmerz, den die Frauen empfanden, als sie vom Tod ihrer Männer oder Brüder gehört hatten. Sie thematisieren Zukunftssorgen, die schon vor den Ereignissen im August 2012 nicht unbedeutend waren, die sich aber danach noch weiter verschärften. Die Frauen interpretieren ihre kraftvollen Bilder, die sie zu ihren persönlichen Erfahrungen gestaltet haben und ermöglichen es den LeserInnen aus der Ferne auf diese Weise, sich das Ausmaß der Ereignisse besser ausmalen und daran teilhaben zu können. Die LeserInnen werden eingeladen, in die Lebenswirklichkeiten der Familien einzutauchen und dabei nicht aus den Augen zu verlieren, dass das in Marikana geförderte Platin am Ende seiner Weltreise durch die Stationen einer globalisierten Wirtschaft vielleicht auch bei uns verwendet wird. Auch wir in Deutschland sind durch dieses gemeinsame Wirtschaftssystem mit den Menschen in Marikana verbunden und sollten uns daher fragen, unter welchen Bedingungen wir in einem global vernetzten System leben wollen und was wir dafür tun können, um die nötigen Änderungen herbeizuführen, die weitere Massaker dieser Art vielleicht verhindern könnten: Welcher Rahmenbedingungen bedarf es auf globaler Ebene, damit der Abbau wertvoller Ressourcen wie Platin das Leben der Menschen und deren Umwelt nicht zerstört? Wie gehen wir mit den Ressourcen um, die unter diesen Bedingungen gefördert werden? Und schließlich, worin liegen unser Beitrag und unsere Gestaltungsmöglichkeiten, um etwas zu verändern?

Besonders schlimm in dieser Geschichte ist die Tatsache, dass zur Beendigung der blutigen Auseinandersetzungen den Minenarbeitern von Marikana höhere Löhne versprochen wurden – ein Versprechen, das bis heute nicht eingelöst ist. Ihr Kampf geht weiter.


Die Broschüre erschien mit finanzieller Unterstützung des Schweizer Fastenopfers, der Rosa-Luxemburg-Stiftung und des Ev.-Luth. Missionswerks in Niedersachsen. Sie kann unten als PDF heruntergeladen oder bei der KASA kostenlos angefordert werden. Wir freuen uns über Spenden, die wir an die Frauen von Marikana als Honorar weiterleiten werden. Spenden bitte unter dem Stichwort MARIKANA auf folgendes Konto: Werkstatt Ökonomie/KASA, GLS Gemeinschaftsbank, BIC GENODEM1GLS, IBAN DE39 4306 0967 8018 8516 00.

Bibliographische Angaben: Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika (2014): Wir werden uns Gehör verschaffen! Die Witwen von Marikana kämpfen für Gerechtigkeit und Wiedergutmachung. Heidelberg, April 2014, 32 S.




 

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