Donnerstag, 23.03.2017

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ICTI-Kodex & ICTI CARE-Prozess
 


Spielzeugproduktion heißt Chinaproduktion
 
Schätzungsweise 80 Prozent der international gehandelten Spielwaren stammen aus der Volksrepublik China, dort vor allem aus der Küstenprovinz Guangdong. Die Zahl der Spielzeugfabriken in China wird (nach zwei Schließungswellen infolge der Rückrufaktionen seit Sommer 2007 und der Finanzkrise 2008) auf etwa 4.000 geschätzt. Wie in anderen Niedriglohnsektoren, etwa der Bekleidungs- und der Elektroindustrie, sind auch in vielen Spielzeugfabriken des Landes Verstöße gegen die Menschenrechte, gegen international vereinbarte Sozialstandards und gegen nationale Gesetze an der Tagesordnung. 
 
Zentrale Probleme sind vor allem die extrem langen Arbeitszeiten von bis 14 Stunden täglich, sieben Tage die Woche, insbesondere wenn für das Weihnachtsgeschäft produziert wird; der geringe Lohn, der oft noch unterhalb des staatlichen Mindestlohns liegt und häufig verspätet ausgezahlt wird; erzwungene und in der Regel nicht korrekt bezahlte Überstunden, der unzureichende Arbeitsschutz, verbunden mit zahlreichen Gesundheitsrisiken sowie verbreitet unzumutbare Bedingungen in den Fabrikwohnheimen für die Wanderarbeiterinnen und -arbeiter. Organisationsfreiheit und Streikrecht sind in China nicht gegeben.
 

Der ICTI CARE-Prozess
 
Mitte der 90er-Jahre verabschiedete der Weltverband der Spielzeugindustrie (International Council of Toy Industries, ICTI) einen Verhaltenskodex für die nach zwei verheerenden Fabrikbränden unter massiver Kritik stehende Branche. Im Jahr 2001 wurde dieser erste branchenweit „gültige“ Kodex um ein Programm ergänzt, mit dem Spielzeugfabriken kontrolliert und (bei Einhaltung der Vorgaben) zertifiziert werden können. 
 
Seit 2003 werden im Rahmen dieses so genannten ICTI CARE-Prozesses durch akkreditierte Auditfirmen – zunächst (fast) nur in China – Fabrikinspektionen durchgeführt und Zertifikate vergeben. Diese sind zunächst ein Jahr lang gültig und müssen dann erneuert werden. Die Namen der zertifizierten Fabriken werden unter www.icti-care.org veröffentlicht.
 
Die Abnehmer chinesischer Spielzeugfabriken können sich im Rahmen des Programms verpflichten, ab einem frei wählbaren Datum nur noch bei zertifizierten Lieferanten einzukaufen. Auch deren Namen werden auf der genannten Website veröffentlicht. Die Einhaltung der Selbstverpflichtung wird aber (bisher) nicht kontrolliert.
 

Kritik des ICTI CARE-Prozesses
 
Positiv zu beurteilen ist zum einen, dass der Weltverband der Spielzeugindustrie mit seinem Kodex wenigstens dem Anspruch nach für alle Unternehmen der Branche einheitliche Mindestarbeitsstandards definiert, zum anderen, dass er über die bloße Verlautbarung dieser Regeln hinausgeht und ein Programm bereitstellt, mit dem ihre Einhaltung überprüft werden kann. Weitgehende Einigkeit besteht auch darin, dass sich mit der Umsetzung des ICTI-Kodexes Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz in den Spielzeugfabriken spürbar verbessert haben.
 
Doch der ICTI CARE-Prozess weist nach wie vor erhebliche Defizite auf, auf die die Aktion fair spielt seit dem Start des Programms immer wieder öffentlich und in Gesprächen mit der ICTI CARE Foundation hingewiesen hat. Auf die wichtigsten Stellungnahmen können Sie über die Links unten zugreifen.

Einige der Kritikpunkte der Aktion fair spielt wurden von der ICTI CARE Foundation aufgegriffen und behoben, in adneren Fällen sind bisher keine Fortschritte erkennbar. Der gravierendste Mangel ist die Unverbindlichkeit der Selbstverpflichtungen der Markenunternehmen: Ihr Versprechen, ab einem frei gewählten zeitpunkt nur nioch bei zertifizierten Lieferanten einzukaufen, wird nicht kontrolliert, noch werden bei Nichteinhaltung Sanktionen verhängt, und die Öffentlichkeit wird über den Stand der Umsetzung nicht informiert. Diese Unverbindlichkeit unterminiert die Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit des gesamten Prozesses.

Dazu passt, dass der ICTI CARE-Prozess sämtliche Verantwortung für die Einhaltung des Kodexes den Lieferanten auferlegt. So bleiben etwa die Einkaufspraktiken der Abnehmer außen vor. Dass die Möglichkeiten der Lieferanten, faire Arbeitsbedingungen anzubieten, durch Preis- und Termindruck erheblich eingeschränkt werden können, bleibt damit ganz außer Betracht. Aber in dieser Hinsicht unterscheidet sich der ICTI CARE-Prozess nicht von anderen Programmen, die vor allem auf Fabrikkontrollen setzen.


(Aktion) fair spielt

Die Aktion fair spielt bestand bis Ende 2012 aus dem Bischöflichen Hilfswerk MISEREOR, der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung Deutschlands, der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands, dem Nürnberger Bündnis „Fair Toys“ und der Werkstatt Ökonomie. Sie setzte sich 13 Jahre lang gemeinsam mit Partnern in Asien und Europa für die Beachtung der Menschenrechte und grundlegender Arbeitsnormen in der Spielzeugindustrie ein. Sie forderte (vor allem deutsche) Hersteller und Handel auf, entlang ihrer Lieferkette menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu gewährleisten, informierte die Öffentlichkeit und forderte den Weltverband der Spielzeugindustrie auf, seinen Verhaltenskodex wirksamer, glaubwürdiger und transparenter umzusetzen. Seit Anfang 2013 setzt die Werkstatt Ökonomie diese Arbeit mit ihrem Projekt fair spielt fort.

Uwe Kleinert (Februar 2013)





 

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