Die jüngsten xenophoben Angriffe in Südafrika erscheinen häufig als spontane Eskalationen, doch empirische Daten zeigen, dass sie auf tief verankerten gesellschaftlichen Einstellungen beruhen.
Am 4. Mai 2026 erreichten die Spannungen in Südafrika einen neuen Höhepunkt. In mehreren Städten rief die Organisation „March and March“ zu Protesten, Streikdrohungen und teilweise gewaltsame Aktionen gegen Migrant:innen auf. Die von der ehemaligen Radiomoderatorin Jacinta Ngobese-Zuma 2024 gegründete Organisation mobilisiert gegen sogenannte „illegale“ Einwanderung und will gezielt Druck auf Regierung und Öffentlichkeit ausüben. In diesem Kontext warnten internationale und regionale Organisationen vor einer weiteren Eskalation und verwiesen auf ein bekanntes Muster: Wiederkehrende Wellen xenophober Gewalt, die sich aus sozialen Krisen speisen und politisch aufgeladen werden.
Parallel dazu wuchs der diplomatische Druck auf Südafrika. Andere afrikanische Staaten reagierten zunehmend irritiert auf die Gewalt gegen ihre Staatsbürger:innen, während innerhalb des Landes zivilgesellschaftliche Organisationen Alarm schlugen und vor einer Normalisierung von Gewalt warnten.
Staat unter Druck: Krisenmanagement und politische Reaktion
Die südafrikanische Regierung bemühte sich unmittelbar nach den Ereignissen, die Lage zu beruhigen und die außenpolitischen Folgen abzumildern. Die Regierung kündigte Maßnahmen an, um Gewalt einzudämmen und die Beziehungen zu betroffenen Herkunftsländern zu stabilisieren. Gleichzeitig wurde deutlich, dass staatliche Reaktionen häufig reaktiv bleiben und strukturelle Ursachen kaum adressieren.
Auch internationale Organisationen kritisierten, dass der Staat seiner Schutzpflicht gegenüber Migrant:innen nur unzureichend nachkommt. Bereits zuvor hatte etwa Human Rights Watch dokumentiert, dass Migrant:innen in Südafrika systematisch von grundlegenden Dienstleistungen ausgeschlossen werden – etwa durch vigilante Gruppen, die den Zugang zu Gesundheitsversorgung oder Bildung blockieren.
Diese Kombination aus politischem Krisenmanagement und strukturellem Versagen ist zentral für das Verständnis der aktuellen Eskalation.
Ablehnung gegenüber Migrant:innen ist kein Randphänomen: Ein großer Teil der Bevölkerung äußert Misstrauen gegenüber Ausländer:innen, viele machen sie direkt für Arbeitslosigkeit und soziale Probleme verantwortlich. Damit bildet sich ein gesellschaftlicher Resonanzraum, in dem Gewalt nicht nur möglich, sondern teilweise legitim erscheint. Es handelt sich nicht um isolierte Vorfälle, sondern um die Zuspitzung eines verbreiteten Narrativs, in dem Migrant:innen als strukturelle Bedrohung konstruiert werden.
Mehr als Armut: Relative Deprivation und Staatsversagen
Aber Xenophobie resultiert nicht einfach aus Armut. Entscheidend ist vielmehr das subjektive Gefühl relativer Benachteiligung. Menschen, die sich vom Staat im Stich gelassen fühlen und ihre eigene wirtschaftliche Lage als ungerecht empfinden, sind besonders anfällig für anti-migrantische Einstellungen. Diese Dynamik verweist auf ein grundlegendes Problem der post-Apartheid Gesellschaft: Die politische Transformation hat zwar demokratische Rechte geschaffen, aber keine umfassende soziale Umverteilung erreicht. Dieser strukturelle Widerspruch produziert Frustration und sucht nach politischen Ventilen– häufig auf Kosten von Migrant:innen.
Fragmentierte Gesellschaft und geringes Vertrauen
Ein weiterer zentraler Faktor ist das niedrige Niveau an gesellschaftlichem Vertrauen. Afrobarometer-Daten zeigen, dass Vertrauen in Südafrika stark auf familiäre und lokale Netzwerke begrenzt ist, während gegenüber Fremden ein ausgeprägtes Misstrauen herrscht. Diese fragmentierte Sozialstruktur erschwert solidarische Beziehungen über Gruppen hinweg und begünstigt klare Abgrenzungen zwischen „Wir“ und „den Anderen“. In diesem Kontext werden Migrant:innen nicht nur als ökonomische Konkurrent:innen wahrgenommen, sondern als grundlegend fremd. Besonders in Townships, wo staatliche Dienstleistungen schwach sind und Ressourcen knapp, kann sich dieses Misstrauen in kollektive Gewalt übersetzen.
Das Erbe der Apartheid
Die historische Dimension ist entscheidend für das Verständnis dieser Dynamiken. Während viele afrikanische Länder über lange Zeiträume hinweg durch Migration und regionale Verflechtungen geprägt waren, war Südafrika während der Apartheid weitgehend isoliert. Der Kontakt zu anderen afrikanischen Gesellschaften wurde systematisch eingeschränkt. Diese Isolation hat bis heute Auswirkungen: Eine schwach ausgeprägte panafrikanische Identität trifft auf ein stark nationalstaatlich geprägtes Zugehörigkeitsverständnis. Dekoloniale Ansätze argumentieren, dass der post-Apartheid Staat koloniale Grenzlogiken fortführt, indem er Zugehörigkeit weiterhin exklusiv definiert und soziale Konflikte entlang nationaler Linien organisiert.
Selektive Xenophobie und postkoloniale Hierarchien
Auffällig ist, dass sich die Ablehnung nicht gleichmäßig gegen alle Migrant:innen richtet. Besonders stark betroffen sind afrikanische Migrant:innen aus Nachbarländern, während andere Gruppen weniger stark stigmatisiert werden. Diese Differenz verweist auf die Verschränkung von Xenophobie mit postkolonialen Rassismen und Klassenverhältnissen. Migrant:innen aus ärmeren afrikanischen Ländern sind häufig im informellen Sektor tätig und damit sichtbarer Teil der urbanen Ökonomie. Ihre ökonomische Präsenz wird als Konkurrenz wahrgenommen, obwohl empirische Studien zeigen, dass der tatsächliche Zusammenhang zwischen Migration und Arbeitslosigkeit begrenzt ist. So versucht etwa die linke Gewerkschaft SAFTU in einer Social Media Kampagne mit Fakten klarzustellen, dass etwa das Problem der Arbeitslosigkeit andere Ursachen hat, denn die rund 4 Millionen nicht in Südafrika geborene Menschen können nicht für 12,4 Millionen Arbeitslose verantwortlich sein. SAFTU fordert daher die Bevölkerung auf, sich gegen die echten Jobkiller zur Wehr zu setzen: korrupte Eliten oder transnationale Konzerne, die Steuern vermeiden und illegal Geld abfließen lassen und den Staat um duzende Milliarden Rand prellen.
Warum gerade Südafrika?
Im Vergleich zu Ländern wie Tansania wird deutlich, dass Xenophobie stark von spezifischen gesellschaftlichen Bedingungen abhängt. Südafrika ist die größte Volkswirtschaft der Region und zieht entsprechend viele Migrant:innen an, was deren Sichtbarkeit erhöht. Gleichzeitig sind die Erwartungen an soziale Verbesserungen nach dem Ende der Apartheid besonders hoch gewesen. Die anhaltende Ungleichheit wird daher als besonders starkes politisches Versagen wahrgenommen. In Ländern wie Tansania hingegen wurde historisch ein stärkeres Narrativ panafrikanischer Solidarität etabliert, während geringere ökonomische Attraktivität den Migrationsdruck reduziert.
Wahrnehmung statt Realität: Die Konstruktion von Konkurrenz
Die Afrobarometer-Daten legen nahe, dass die weit verbreitete Vorstellung, Migrant:innen würden Arbeitsplätze „wegnehmen“, vor allem auf Wahrnehmungen beruht und weniger auf empirischer Realität. Schaut man sich die die realen Zahlen von etwa 6,5 Prozent – das wären rund 4 Millionen Migrant:innen im Land - an, entsprechen diese durchaus internationalen Normen. Xenophobie entsteht nicht primär aus direkter ökonomischer Konkurrenz, sondern aus der Kombination von wahrgenommener Konkurrenz, politischer Rhetorik und sozialer Unsicherheit. Diese Einstellungen sind nicht nur das Ergebnis ökonomischer Konkurrenz, sondern Ausdruck eines tieferliegenden Problems: eines fragmentierten sozialen Gefüges mit geringem Vertrauen über Gruppen hinweg.
Migration wird häufig als Sicherheitsproblem dargestellt, was die gesellschaftliche Akzeptanz von Ausgrenzung und Gewalt erhöht. Zivilgesellschaftliche Organisationen sprechen in diesem Zusammenhang von einer ideologischen Verschiebung, bei der strukturelle Probleme externalisiert werden.
Operation Dudual
Neu ist jedoch die zunehmende Organisierung: Gruppen wie die rechtsextreme Bürgerwehr Operation Dudula mobilisieren gezielt gegen Migrant:innen und verbinden soziale Forderungen mit nationalistischer Rhetorik. Diese Akteure verschieben den Diskurs, indem sie Migration systematisch mit Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Staatsversagen verknüpfen, Fakten verdrehen und politisch nutzbar machen.
Operation Dudula ist ein eingetragener gemeinnütziger Verein mit dem erklärten Ziel, Ausländer aus Südafrika auszuweisen. Erst kürzlich, am 4. November 2025, erließ Richter Leicester Adams vom Obersten Gerichtshof in Johannesburg ein Urteil, das der Operation Dudula und ihren Anführer:innn untersagt, Personen, die sie als Nichtstaatsangehörige identifizieren, einzuschüchtern, zu belästigen und/oder anzugreifen sowie in sozialen Medien öffentliche Äußerungen zu tätigen, die als Hassrede gelten
Fazit: Ein strukturelles und reproduzierbares Phänomen
Xenophobie in Südafrika ist kein Ausnahmezustand, sondern ein strukturell reproduziertes Phänomen, das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels von sozialer Ungleichheit, historischer Isolation, geringem Vertrauen und politischer Frustration. Die zentrale Herausforderung liegt daher nicht in der Begrenzung von Migration, sondern in der Transformation der zugrunde liegenden gesellschaftlichen Strukturen. Ohne eine solche Veränderung bleibt Xenophobie ein wiederkehrendes Symptom einer tief fragmentierten Gesellschaft.


