Eindrücke aus der Summer School auf Lesbos
Wie gehen Gesellschaften mit Menschen um, die ihre Heimat verlassen mussten? Wer entscheidet, wer als Geflüchteter, Migrant:in oder illegal gilt? Und welche Rolle spielen koloniale Kontinuitäten noch heute für die Wege, die Menschen nehmen müssen?
Diese Fragen standen im Mittelpunkt des internationalen Symposiums „Colonial Wars, Racial Hierarchies and Mobility in the 21st Century“, das am 17. und 18. September 2026 an der University of the Aegean auf Lesbos stattfand. Das Symposium war Teil der internationalen Summer School des Masterprogramms „Social Work with Refugees and Migrants“ der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt. Studierende, Wissenschaftler:innen und Vertreter:innen aus Wissenschaft und Praxis diskutierten über Flucht und Migration im Mittelmeerraum, über die Folgen kolonialer Herrschaft und über die Frage, wie soziale Arbeit Menschen in Situationen von Flucht und Vertreibung unterstützen kann.
Für die Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika (KASA) war die Beteiligung mehr als ein Beitrag zu einem internationalen Fachsymposium. Sie bot die Möglichkeit, Erfahrungen und Perspektiven aus dem südlichen Afrika in eine Debatte einzubringen, die häufig stark von europäischen Erfahrungen mit Migration geprägt ist. Gemeinsam mit dem Zentrum Ökumene und der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt war KASA an der Vorbereitung des Symposiums beteiligt.
Gerade diese Verbindung zwischen Europa und dem südlichen Afrika ist für die Arbeit der KASA zentral. Migration lässt sich nicht sinnvoll betrachten, wenn die Geschichte der jeweiligen Regionen ausgeblendet wird. Grenzen, Arbeitsmärkte und Wanderungsbewegungen im südlichen Afrika sind bis heute von kolonialen Grenzziehungen, ungleichen wirtschaftlichen Beziehungen und der Geschichte von Arbeitsmigration geprägt. Gleichzeitig ist das südliche Afrika selbst eine Region, in der Millionen Menschen grenzüberschreitend leben, arbeiten und Schutz suchen.
Der Beitrag von Dr. Locardia Shayamunda - die auf Einladung der KASA an der Summer School teilnahm - über „Migration Responses in Southern Africa“ lenkte den Blick deshalb auf Simbabwe – ein Land, das eher als Herkunftsland von Migrant:innen wahrgenommen wird, tatsächlich aber seit Jahrzehnten auch Geflüchtete aus anderen afrikanischen Ländern aufnimmt.
Simbabwe: Herkunftsland und Aufnahmeland zugleich
Simbabwe zeigt besonders deutlich, wie wenig die Kategorien „Herkunftsland“ und „Aufnahmeland“ voneinander zu trennen sind. Millionen Simbabwer:innen leben und arbeiten im Ausland, vor allem in Südafrika. Gleichzeitig hat das Land eine lange Tradition der Aufnahme von Menschen, die vor Konflikten und Gewalt in anderen afrikanischen Staaten fliehen.
Bereits in den 1980er Jahren nahm Simbabwe Menschen aus Mosambik auf, die vor dem Bürgerkrieg flohen. Später kamen Geflüchtete und Asylsuchende unter anderem aus der Demokratischen Republik Kongo, Burundi, Sudan und Ruanda hinzu. Rund drei Viertel der Geflüchteten und Asylsuchenden stammen heute aus der Demokratischen Republik Kongo. Staatliche Stellen arbeiten bei ihrer Aufnahme mit UNHCR sowie humanitären und entwicklungspolitischen Organisationen zusammen.
Landesweit leben, so Shayamunda, rund 22.400 Geflüchtete und Asylsuchende in Simbabwe. Ein großer Teil von ihnen lebt im Tongogara Refugee Settlement im Osten des Landes, nahe der mosambikanischen Grenze und weit ab von städtischen Zentren. Dort waren 2026 knapp 11.700 Menschen biometrisch registriert, verteilt auf mehr als 3.400 Haushalte. Tongogara verfügt über Schulen, eine Gesundheitsstation, Bibliotheken, ICT-Zentren und landwirtschaftliche Infrastruktur.
Migration ist und war noch nie ein europäisches Problem, das in Afrika „ankommt“. Sie ist Bestandteil der gesellschaftlichen Realität Afrikas selbst – und zwar seit Jahrzehnten. Wer über Flucht spricht, muss deshalb auch über die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen sprechen, unter denen Menschen sich bewegen.
Tongogara: Schutz und die Frage nach Selbstständigkeit
Tongogara entstand Anfang der 1980er Jahre als Flüchtlingslager. Heute geht es darum, die Siedlung schrittweise zu einem integrierten Zentrum für Geflüchtete und die umliegenden Aufnahmegemeinden weiterzuentwickeln.
Damit verbindet sich ein grundlegender Perspektivwechsel: Flüchtlingsschutz soll nicht bei der Versorgung mit Nahrung, Wasser, Unterkunft und medizinischer Hilfe stehen bleiben. Menschen sollen die Möglichkeit erhalten, ihren Lebensunterhalt selbst zu sichern, Bildung zu erwerben und wirtschaftlich und gesellschaftlich teilzuhaben.
In Tongogara wurden dafür Bewässerungsanlagen, landwirtschaftliche Projekte, Märkte und kleine Unternehmen aufgebaut. 86 junge Geflüchtete konnten Hochschulen besuchen. Andere betreiben Geschäfte oder arbeiten in Bereichen wie Geflügel-, Schweine- und Fischzucht. Auch ein Radiosender und ein Berufsbildungszentrum gehören zur Infrastruktur.
Die Entwicklung zeigt, dass Geflüchtete nicht nur als Menschen mit Schutzbedarf gesehen werden sollten, sondern als handelnde Subjekte: Sie sind auch Produzent:innen, Händler:innen, Unternehmer:innen, Studierende und Mitglieder lokaler Gemeinschaften.
Migrationspolitik muss deshalb danach fragen, welche Handlungsspielräume Menschen haben und welche strukturellen Bedingungen diese Möglichkeiten begrenzen.
Die simbabwische National Migration Policy von 2023 geht in diese Richtung. Sie versteht Migration ausdrücklich auch als Bestandteil gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklung und betont neben Arbeitsmigration und der Diaspora die Rechte von Migrant:innen, sichere Migrationswege, Würde und gesellschaftliche Teilhabe.
Wo Selbstständigkeit an Grenzen stößt
Doch die Realität bleibt widersprüchlich. Shayamunda benennt begrenzte wirtschaftliche Möglichkeiten, Armut, soziale Verwundbarkeit, Umweltbelastungen und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit als zentrale Herausforderungen. Auch die Finanzierung von Wasser, Gesundheit, Bildung und Schutzangeboten bleibt schwierig.
Damit steht Simbabwe vor einem grundlegenden Dilemma: Ein abgegrenzter Ort kann Schutz und Versorgung gewährleisten. Gleichzeitig kann genau diese Abgrenzung die wirtschaftliche und gesellschaftliche Integration erschweren. Zumal die Realität vieler Simbawer:innen im Bereich Gesundheit, Bildung oder Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen ebenfalls prekär sind.
Die Frage nach Flucht und Migration ist immer auch eine Frage nach Macht, Ressourcen und Teilhabe. Wer darf sich bewegen? Wer kann Grenzen legal überschreiten? Wer bekommt Zugang zu Arbeit und Land? Und wer wird für soziale Probleme verantwortlich gemacht? Dies reicht weit über die Flüchtlingspolitik hinaus. Sie berührt die globalen und regionalen Ungleichheiten.
Südafrika: Migration als Teil des Arbeitsmarktes
Besonders deutlich wird dies im Vergleich mit Südafrika. Während Simbabwe einen großen Teil seiner Geflüchteten in Tongogara konzentriert, leben Geflüchtete und Asylsuchende in Südafrika überwiegend in Städten und Gemeinden. Südafrika ist aufgrund seiner vergleichsweise großen Volkswirtschaft eines der wichtigsten Zielländer für Migration auf dem Kontinent. 2025 lebten dort nach UNHCR-Angaben mehr als 167.000 Geflüchtete und Asylsuchende.
Für Simbabwer:innen ist Südafrika zugleich seit Jahrzehnten ein zentraler Arbeitsmarkt. Migration und Rücküberweisungen gehören damit zu den wirtschaftlichen Lebensgrundlagen vieler Familien.
Gerade deshalb ist die aktuelle xenophobe Gewalt in Südafrika auch für Simbabwe mehr als eine außenpolitische Angelegenheit. Sie betrifft unmittelbar Familien, Einkommen und lokale Ökonomien auf beiden Seiten der Grenze.
Die wiederkehrenden Wellen xenophober Gewalt – 2008, 2015, 2019 und erneut 2026 – zeigen, wie verletzlich Migrant:innen in Südafrika sind. Shayamunda nennt wirtschaftliche Konkurrenz, Vorwürfe einer Überlastung öffentlicher Dienstleistungen, Kriminalitätszuschreibungen und soziale Ungleichheit als wichtige Faktoren.
Wenn aus Arbeitsmigration Flucht wird
Bereits zehntausende Simbabwer:innen verließen Südafrika dieses Jahr nach Drohungen, Angriffen und dem wachsenden Druck auf ausländische Migrant:innen. Unter den staatlich unterstützten Rückkehrer:innen waren mehr als 13.500 Frauen und über 18.000 Kinder. Insgesamt wurden 42.339 Menschen im Rahmen der organisierten Rückkehr erfasst. Sie erhielten unter anderem Lebensmittel, Kleidung und Unterstützung bei der Weiterreise. In Harare wurde im katholischen Silveira House eine temporäre Anlaufstelle eingerichtet.
Damit schließt sich ein Kreis: Menschen, die einst nach Südafrika gegangen waren, weil sie dort Arbeit und Einkommen fanden, kehren nun unter Umständen zurück, weil sie sich dort nicht mehr sicher fühlen.
Die Rückkehr ist dabei nicht automatisch eine erfolgreiche Reintegration. Viele haben ihre Wohnungen, Arbeitsplätze, Geschäfte und sozialen Netzwerke in Südafrika zurückgelassen. Manche waren jahrelang oder jahrzehntelang dort. Die Rückkehr führt daher nicht einfach „nach Hause“, sondern in eine neue und oft unsichere Lebenssituation.
Was bedeutet das für die Arbeit der KASA?
Genau hier liegt eine wichtige Verbindung zwischen der Diskussion auf Lesbos und der Arbeit der KASA im südlichen Afrika. KASA arbeitet seit Jahrzehnten mit Partner:innen in der Region und betrachtet gesellschaftliche Entwicklungen nicht isoliert, sondern aus der Perspektive ihrer historischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge.
Die Situation in Tongogara zeigt, dass Flüchtlingsschutz langfristige Perspektiven auf Bildung, Arbeit und Selbstständigkeit braucht. Die Situation simbabwischer Migrant:innen in Südafrika zeigt zugleich, dass wirtschaftliche Integration keinen ausreichenden Schutz garantiert, wenn gesellschaftliche Ausgrenzung und xenophobe Mobilisierung zunehmen.
Für KASA bedeutet das auch, die Stimmen der Betroffenen stärker ins Zentrum zu rücken. Hinter Migrationsstatistiken stehen Menschen, die arbeiten, Familien ernähren, Unternehmen aufbauen, Geld nach Hause schicken und gesellschaftliche Beziehungen über Grenzen hinweg organisieren. Werden sie vertrieben, verlieren nicht nur sie selbst Einkommen und Sicherheit. Auch die Familien und Gemeinden auf der anderen Seite der Grenze sind betroffen.
Migration ist deshalb im südlichen Afrika immer auch eine Frage von sozialer Gerechtigkeit und regionaler Solidarität.
Über Grenzen hinweg denken
Das Symposium auf Lesbos hat diese Perspektive aus Europa und dem südlichen Afrika zusammengebracht. Die Diskussion über koloniale Kontinuitäten macht deutlich, dass Mobilität nicht allein eine Frage heutiger Grenzpolitik ist. Die Grenzen selbst haben eine Geschichte. Ebenso die Arbeitsmigration, die wirtschaftlichen Abhängigkeiten und die ungleichen Möglichkeiten, sich sicher und frei zu bewegen.
Gerade deshalb ist der Austausch zwischen europäischen und afrikanischen Perspektiven wichtig. KASA bringt dabei Erfahrungen aus dem südlichen Afrika in eine Debatte ein, die häufig aus europäischer Sicht geführt wird. Gleichzeitig eröffnet der Austausch auf Lesbos die Möglichkeit, Entwicklungen im südlichen Afrika mit Erfahrungen anderer Regionen zu vergleichen.
Die Präsentation von Locardia Shayamunda endet mit einer einfachen, aber weitreichenden Erkenntnis: Die Zukunft Afrikas wird weiterhin von Flucht und Migration geprägt sein. Konflikte, wirtschaftliche Ungleichheit, Klimawandel, Arbeitsmöglichkeiten und regionale Integration werden bestimmen, warum und wohin Menschen sich bewegen.
Für KASA bedeutet das, Migration nicht als Ausnahmezustand zu behandeln, sondern als eine zentrale gesellschaftliche Realität des südlichen Afrikas. Die entscheidende Frage ist dann nicht nur, wie Grenzen kontrolliert werden. Es geht darum, unter welchen Bedingungen Menschen sich bewegen, arbeiten und leben können – und ob sie dabei ihre Würde und ihre Rechte behalten.
Die Erfahrungen aus Tongogara, Südafrika und den aktuellen Rückkehrbewegungen zeigen: Flucht endet nicht mit dem Grenzübertritt. Und Migration endet nicht mit der Rückkehr. Sie ist Teil einer regionalen Geschichte, die Menschen, Familien und Gesellschaften über Grenzen hinweg miteinander verbindet. Genau diese Zusammenhänge sichtbar zu machen, bleibt eine wichtige Aufgabe der KASA.
Migration Responses in Southern Africa L. Shayamunda

