Eine Bewegung von mehr als 178.000 Kleinbäuerinnen aus dem südlichen Afrika wird mit dem Right Livelihood Award 2026 ausgezeichnet. Die Ehrung macht sichtbar, worum es der Rural Women’s Assembly (RWA) seit Jahren geht: um Landrechte, Saatgutsouveränität, Ernährungsgerechtigkeit und die politische Selbstbestimmung von Frauen. Die Ausstellung Guardians of seeds, land and life erzählt genau diese Geschichte.
Es ist eine Auszeichnung, die kaum passender kommen könnte. Während wir in Heidelberg die Eröffnung der Wanderausstellung Guardians of seeds, land and life. Unterwegs im südlichen Afrika mit Bäuerinnen und ihrem Saatgut vorbereitet wird, erreicht uns aus Stockholm die Nachricht, dass die RWA mit dem Right Livelihood Award 2026 ausgezeichnet wird. Der auch als „Alternativer Nobelpreis“ bezeichnete Preis würdigt in diesem Jahr ausschließlich Frauen und von Frauen geführte Organisationen. Neben der RWA werden die pakistanische Menschenrechtsanwältin Jalila Haider, die Georgian Young Lawyers’ Association und die US-amerikanische KI-Forscherin Timnit Gebru ausgezeichnet.
Die Jury würdigt die RWA dafür, „rural women across Southern Africa into a united force defending land, seed and bodily autonomy against corporate and patriarchal dispossession“ zu organisieren. Dahinter steht eine Bewegung, die seit 2009 Frauen aus inzwischen elf Ländern des südlichen Afrikas miteinander verbindet: Südafrika, Eswatini, Lesotho, Malawi, Mosambik, Namibia, Sambia, Simbabwe, Madagaskar, Mauritius und Tansania. Insgesamt gehören ihr mehr als 178.000 Kleinbäuerinnen an.
Gegen die Enteignung von Land und Wissen
Was nach einer Auszeichnung für eine Frauenorganisation klingt, ist deshalb weit mehr. Die RWA ist eine politische Bewegung, die sich gegen die fortdauernde Konzentration von Land, Ressourcen und Entscheidungsmacht wendet. Ihre Mitglieder kämpfen gegen Landraub und die Ausgrenzung von Frauen aus Landbesitz und politischen Entscheidungsprozessen. Gleichzeitig verteidigen sie traditionelles Saatgut gegen die zunehmende Kontrolle durch Agrarkonzerne und geistige Eigentumsrechte auf Saatgut.
Dabei verbindet die RWA Landrechte mit Ernährungssouveränität und feministischer Agrarökologie. Die Frauen bauen Saatgutbanken und Vermehrungsstandorte auf, tauschen traditionelle Sorten und dokumentieren lokales Wissen. Die Bewegung hat inzwischen 24 Saatgut-Vermehrungsstandorte aufgebaut und Hunderte indigene Sorten dokumentiert. Allein 2025 wurden in sieben Ländern 45 Getreide-, 31 Obst-, 64 Hülsenfrucht- und 20 Knollensorten erfasst; 720 Frauen waren an dieser Arbeit beteiligt.
Das ist auch der Kern der Ausstellung Guardians of seeds, land and life. Die Fotografien machen Frauen sichtbar, die sonst in der öffentlichen Wahrnehmung häufig unsichtbar bleiben: als Bäuerinnen, Saatgutbewahrerinnen, Trägerinnen lokalen Wissens und als politische Akteurinnen. Right Livelihood verweist ausdrücklich auf diese Fotoausstellung als Ergebnis der Saatgutforschung der RWA.
„Eine einzelne Stimme kann keinen Berg versetzen“
Die Auszeichnung trifft damit einen Nerv der Bewegung. Mercia Andrews, Regionalkoordinatorin der RWA, erklärte anlässlich der Preisbekanntgabe: „No single voice moves a mountain; it is the patient, collective weight of thousands of rural women organising together that has shifted what was once thought immovable.“ Die Anerkennung solle dazu beitragen, dass die Kämpfe ländlicher Frauen in der Region als Modell für eine gerechtere Zukunft von Land und Menschen wahrgenommen würden.
Andrews beschreibt damit zugleich das Selbstverständnis der RWA: Veränderung entsteht nicht durch die einzelne charismatische Führungspersönlichkeit, sondern durch Organisation, gegenseitige Unterstützung und Solidarität über Grenzen hinweg. Die Bewegung versteht sich bewusst nicht als klassische Nichtregierungsorganisation. Ihre Struktur ist weitgehend basisorientiert und ehrenamtlich; Entscheidungen werden über die elf Länderorganisationen hinweg getroffen.
Diese Form der Organisierung hat konkrete politische Folgen. Die RWA war unter anderem an Kampagnen beteiligt, die in Sambia zu einer gesetzlichen Verpflichtung für eine gleichberechtigte Landvergabe an Frauen beitrugen. In Eswatini unterstützte sie den Kampf für das Sexual Offences and Domestic Violence Bill von 2018. In einem weiteren Rechtsstreit konnte eine RWA-Aktivistin das Recht von Frauen durchsetzen, Land in ihrem eigenen Namen zu registrieren. Auch gegen extraktive Industrien tritt die Bewegung auf. In Südafrika war sie Teil einer Koalition, die gegen den geplanten Meeresbodenbergbau durch Shell vorging.
Saatgut ist mehr als Landwirtschaft
Die Auseinandersetzung um Saatgut ist dabei eine Auseinandersetzung um Macht. Wer entscheidet, welches Saatgut angebaut werden darf? Wer verfügt über das Wissen, wie es vermehrt wird? Wer bestimmt über Land und Wasser – und wer profitiert von den landwirtschaftlichen Wertschöpfungsketten?
Die RWA setzt diesem Modell die Idee der Saatgutsouveränität entgegen. Traditionelle Sorten werden nicht als Relikte einer vergangenen Landwirtschaft betrachtet, sondern als gemeinschaftliches Wissen und als Grundlage für Ernährungssicherheit und Klimaanpassung. Gerade angesichts von Dürren, Überschwemmungen und zunehmender Wetterextreme gewinnt diese Perspektive an Bedeutung. Die Bewegung verbindet deshalb ökologische Fragen mit Fragen sozialer und geschlechtlicher Gerechtigkeit.
Das zeigt sich auch in der praktischen Arbeit. Die Agroökologie-Schulen der RWA vermitteln Methoden, mit denen Bäuerinnen ihre Produktionskosten senken und Böden widerstandsfähiger gegen extreme Wetterbedingungen machen können. 2025 übersetzte die Bewegung zudem die UN-Erklärung über die Rechte der Bauern und Bäuerinnen (UNDROP) in lokale Sprachen; mehr als 18.000 Frauen nahmen daran teil.
Von Heidelberg nach Stockholm
Dass die Geschichte dieser Frauen nun auch in vielen deutschen Städten erzählt wird, bekommt durch die Preisvergabe eine besondere Aktualität. Die Ausstellung Guardians of seeds, land and life zeigt nicht einfach schöne Fotografien aus dem ländlichen Afrika. Sie dokumentiert eine politische Bewegung, die sich gegen die Vorstellung wehrt, dass Land, Saatgut und Ernährung vor allem Waren seien.
Bei der Ausstellungseröffnung in Heidelberg am 30. Oktober 2026 wird deshalb auch die Frage im Raum stehen, was Saatgut mit Macht, Eigentum und Gerechtigkeit zu tun hat. Die Fotografien schlagen eine Brücke zwischen den konkreten Lebensrealitäten ländlicher Frauen und den großen politischen Auseinandersetzungen um Ernährungssysteme, Klimakrise, Landrechte und Konzernmacht.
Nur wenige Wochen später wird die RWA selbst im Mittelpunkt einer internationalen Preisverleihung stehen. Die Right-Livelihood-Preisverleihung findet am 1. Dezember 2026 in Stockholm statt und wird übertragen. Die Stiftung hat bislang Mercia Andrews als Regionalkoordinatorin als zentrale Vertreterin der RWA bei der Preisbekanntgabe genannt; auch die Eswatini-Koordinatorin Zakithi Sibandze wurde im Zusammenhang mit der diesjährigen Auszeichnung offiziell als RWA-Laureatin vorgestellt. Wer den Preis bei der Zeremonie konkret für die Bewegung entgegennimmt, ist in den derzeit veröffentlichten Angaben der Stiftung noch nicht eindeutig festgelegt.
Eine Auszeichnung für eine Bewegung
Der Right Livelihood Award ist damit nicht nur eine Anerkennung für die bisherige Arbeit der Rural Women’s Assembly. Er lenkt den Blick auf eine politische Perspektive, die in Debatten über Landwirtschaft und Entwicklung häufig zu wenig Beachtung findet: „Rural women are not merely beneficiaries – they are political actors and knowledge holders.“
Die RWA selbst hat diese Haltung in den vergangenen Jahren immer wieder formuliert. Ihre Mitglieder wollen nicht auf Hilfe warten, sondern ihre eigenen Antworten entwickeln – durch gemeinschaftliches Saatgut, solidarische Landwirtschaft, politische Organisierung und den Kampf um Land und Rechte.
Vielleicht liegt genau darin die stärkste Verbindung zwischen Preis und Wanderausstellung. Guardians of seeds, land and life erzählt von Frauen, die Saatgut bewahren. Der Right Livelihood Award zeichnet eine Bewegung aus, die daraus politische Macht organisiert.
Vom Saatkorn bis zur internationalen Bühne ist es ein weiter Weg. Die Rural Women’s Assembly zeigt seit 2009, dass er gemeinsam gegangen werden kann.
Wir gratulierenden Frauen von Herzen zu dieser verdienten internationalen Anerkennung!

