„Damit Ordnung im Elternhaus der Menschheit herrscht“. Hommage an Dr. Urbain N´dakon

Am 5. Januar 2026 verstarb Dr. Urbain N’dakon. Er war promovierter Germanist, Qualitätsmanager und Vorstand der Genossenschaft MacoopA (Maat-Afrika). Viele kannten ihn als Brückenbauer zwischen Côte d’Ivoire, Afrika und Deutschland – als Musiker, Komponist und überzeugten Panafrikanisten, der mit akustischer Gitarre, Djembe und markanter Stimme Poesie, afrikanische Weisheiten und Märchen in seine selbstkomponierten Lieder einfließen ließ.

Zugleich war Urbain ein engagierter Verfechter der Gemeinwohlökonomie und der afrikanischen Einheit. Als Referent, Moderator und Künstler prägte er über viele Jahre die Konferenz „Afrika neu denken“ in Frankfurt am Main mit. Sein plötzlicher Tod nach kurzer, schwerer Krankheit löste große Betroffenheit aus – nicht nur in der afrikanischen Diaspora in Deutschland, sondern überall dort, wo er als Musiker, Intellektueller und Inspirator wirkte.

Nach seiner Beerdigung in Côte d’Ivoire fand am 18. April in Fulda eine Gedenkveranstaltung statt, an der mehr als 250 Menschen aus ganz Deutschland teilnahmen. Die große Resonanz machte deutlich, wie viele Menschen Urbain mit seiner Persönlichkeit, seinen Ideen und seinem Engagement erreicht hatte.

Wenige Tage vor der Veranstaltung wurde ich gebeten, im Namen des Aufsichtsrats von MacoopA sowie des Trägerkreises von „Afrika neu denken“ einen Wortbeitrag zu halten. Obwohl ich Urbain viele Jahre kannte und eng mit ihm zusammenarbeitete, fiel es mir zunächst schwer, die richtigen Worte zu finden. Dann erinnerte ich mich an eine E-Mail, die er mir im März 2022 geschickt hatte. Damals versuchte er, mich trotz meines begrenzten Zeitbudgets für eine Mitarbeit im Aufsichtsrat von MacoopA zu gewinnen.

Schon damals hatten mich seine Worte inspiriert. Nach seinem Tod lese ich diese Nachricht wie ein Vermächtnis – als Ausdruck seines Denkens, seiner Hoffnung und seines unerschütterlichen Glaubens an eine solidarische, panafrikanische Zukunft. Deshalb entschloss ich mich, seine E-Mail in meine Rede in Fulda einzubauen.

Im Folgenden dokumentiere ich diese Nachricht sowie meine neue Antwort darauf – eine neue Antwort, die Urbain selbst nicht mehr lesen konnte.

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Lieber Bruder Boniface,

 In der Anlage übersende ich dir das versprochene Infomaterial zu unserer Genossenschaft, die den Gedanken der Gemeinwohl-Ökonomie in unternehmerisches Handeln umsetzen soll. Unser Motto ist „Africa Unity, World Prosperity“. Wir nehmen ernst, dass Afrika die Wiege der Menschheit, also das Elternhaus der Menschheit, ist. Egal, wie divers die Welt inzwischen geworden ist: An der Tatsache, dass alle Menschen aus Afrika stammen, wird sich nichts mehr ändern. Wir sind alle Afrikaner.

Wir bei MacoopA glauben, dass die Welt erst dann eine harmonische Welt ist, wenn die Menschheit respektvoller mit diesem Kontinent umgeht und es den Menschen auf dem Mutterkontinent besser geht als zurzeit, wenn also Ordnung, Wohlstand und Harmonie im Elternhaus der Menschheit herrschen. Es geht aber längst nicht nur um Kontinentalafrika, sondern auch um die afrikanische Diaspora in Europa.

MacoopA eG ist eine Genossenschaft für Afrikaner*innen, Menschen afrikanischer Herkunft und Verbündete Afrikas, die an unser Ideal glauben. Die Gründung von MacoopA steht im Zusammenhang mit der von der UNO ausgerufenen Internationalen Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft (2015–2024). Ziel der Dekade ist es, alle Formen der Diskriminierung von Menschen afrikanischer Herkunft in allen Ländern der Welt zu beenden. Dieses Ziel wird wohl nicht erreicht werden, aber wir haben das Projekt innerhalb dieser Dekade begonnen, um diese positive Vision zu verfolgen und an der „Afrotopia“ im unternehmerischen Bereich zu arbeiten.

Es geht darum, afrikanische Menschen und Menschen afrikanischer Herkunft zu ermutigen, ihr Talent und ihre Erfahrung in ein sozial-ökologisch ausgerichtetes Unternehmensprojekt zu investieren und mehr Wohlstand sowie soziale Entfaltung für sich und ihre Community zu generieren. Die Genossenschaft begleitet sie dabei mit Dienstleistungen in Form von Bankdienstleistungen, Crowdfunding, Bildung und einer Online-Handelsplattform. Das halten wir für eines der besten Empowerment- und Antirassismusprojekte überhaupt, die es geben kann.

Aktuell haben wir Projekte in der Elfenbeinküste und in Burundi (den Heimatländern der beiden Vorstände), aber wir denken weiter und wollen langfristig alle Länder der Afrikanischen und der Europäischen Union abdecken, in denen Menschen afrikanischer Herkunft leben.

Ich freue mich, von dir zu hören, wenn du die Informationen gelesen hast.

Panafrikanische Grüße

Urbain

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Lieber Bruder Urbain,

als Du mir damals diese Zeilen geschrieben hast, ahnte ich nicht, dass sie einmal zu einem Vermächtnis werden würden. Heute, nach Deinem Tod, lese ich Deine Worte anders. Nicht nur als Beschreibung eines Projekts oder einer Genossenschaft, sondern als Ausdruck einer Haltung zum Leben, zu Afrika und zur Menschheit.

Du gehörtest zu den Menschen, die sich geweigert haben, Afrika durch die Brille von Mangel, Defizit und Abhängigkeit zu betrachten. Während viele über Afrika sprachen, sprachst Du von Würde, Potenzial, Einheit und Verantwortung. Während andere Afrika als „Entwicklungsproblem“ behandelten, verstanden Du und Deine Mitstreiter:innen den Kontinent als Ursprung der Menschheit und als unverzichtbaren Schlüssel für eine gerechtere Weltordnung.

Dein Satz „Africa Unity, World Prosperity“ war kein Marketing-Slogan. Er war Ausdruck einer tiefen panafrikanischen Überzeugung: dass die Zukunft Afrikas nicht von permanenter Anpassung an fremde Interessen abhängen darf, sondern von Selbstbestimmung, Solidarität und gemeinschaftlichem Wirtschaften. In einer Zeit, in der neoliberale Konkurrenz, Extraktivismus und geopolitischer Egoismus dominieren, hast Du an einer anderen Vision festgehalten – an einer Ökonomie des Gemeinwohls.

Besonders beeindruckend war Deine Fähigkeit, panafrikanisches Denken mit konkretem Handeln zu verbinden. Viele reden über Empowerment. Du wolltest Strukturen schaffen: Genossenschaften, solidarische Investitionen, Bildungsangebote, gemeinschaftliche Plattformen. Du warst überzeugt davon, dass wirtschaftliche Teilhabe ein zentraler Bestandteil von Würde ist – und dass afrikanische Menschen und die afrikanische Diaspora ihre Zukunft nicht allein von staatlicher Politik oder internationaler Hilfe abhängig machen dürfen.

Dein Denken war dabei nie eng nationalistisch. Im Gegenteil: Dein Panafrikanismus war offen, humanistisch und universal. Wenn Du sagtest „Wir sind alle Afrikaner“, dann war das mehr als ein Verweis auf die Herkunft der Menschheit. Es war eine Einladung, die künstlichen Hierarchien zwischen Menschen zu überwinden und Afrika endlich mit Respekt zu begegnen – nicht als Objekt geopolitischer Interessen, sondern als gleichwürdiger Teil der Weltgemeinschaft.

Gerade deshalb war Deine Arbeit auch ein Beitrag gegen Rassismus. Nicht nur durch Kritik an Diskriminierung, sondern durch die praktische Schaffung von Räumen der Selbstermächtigung, der Kooperation und der Hoffnung. Du hast verstanden, dass Antirassismus mehr sein muss als moralische Appelle. Er braucht ökonomische Grundlagen, institutionelle Räume und das Vertrauen in die eigene Gestaltungskraft.

Heute, in einer Welt wachsender Polarisierung, neuer Blockbildungen und globaler Unsicherheiten, wirken viele Deiner Gedanken aktueller denn je. Die Frage nach wirtschaftlicher Souveränität, nach solidarischen Wirtschaftsformen, nach der Rolle der Diaspora und nach afrikanischer Einheit wird in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen. Du hast diese Debatten nicht nur vorausgesehen – Du hast versucht, konkrete Antworten darauf zu entwickeln.

Dein Weg war geprägt von Idealismus, aber auch von Mut. Denn an eine solidarische Zukunft zu glauben, während die Welt sich zunehmend abschottet, ist kein naiver Optimismus. Es ist Widerstand.

Du hinterlässt nicht nur Erinnerungen, sondern Spuren: in Menschen, die Du inspiriert hast, in Ideen, die weitergetragen werden, und in Projekten, die über Deinen Tod hinaus Bestand haben können.

Möge Dein Engagement viele ermutigen, Afrika nicht länger als Rand der Welt zu betrachten, sondern als einen Ort von Würde, Kreativität und Zukunft.

Ruhe in Kraft, lieber Bruder.

Panafrikanische Grüße

Boniface

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