Simbabwe zwischen Angst, Autoritarismus und lokaler Hoffnung

State of Peace Report

Dieser Bericht ist die wichtigste zivilgesellschaftlichen Friedensstudie Simbabwes. Herausgegeben wird er von der Zimbabwe Human Rights Association (ZimRights), einer der ältesten und größten Menschenrechtsorganisationen des Landes, die seit ihrer Gründung im Jahr 1992 für den Schutz grundlegender Rechte und den Aufbau einer friedlichen, gerechten Gesellschaft kämpft.
Der Bericht entsteht jährlich rund um den Internationalen Tag des Friedens (21. September) und ist Teil der Right to Peace Campaign von ZimRights, die das Recht auf Frieden als unveräußerliches Menschenrecht verankern und Bürger:innen befähigen will, aktiv zur Konfliktlösung beizutragen.
Der Bericht versteht sich bewusst nicht als akademisches Papier, sondern als Stimme der Basis – die Ergebnisse stammen hauptsächlich aus Gemeinden, in denen ZimRights aktiv ist. Damit soll eine Brücke geschlagen werden zwischen wissenschaftlicher Friedensmessung und der Lebensrealität der Menschen in Simbabwe und eine zivilgesellschaftliche Alternative zu staatlichen Narrativen über Stabilität und Frieden geschaffen werden. Der Bericht gibt denjenigen eine Stimme, die im offiziellen Diskurs übergangen werden – und dokumentiert, wie Gemeinden trotz politischer Repression Wege finden, Frieden zu schaffen, wo der Staat versagt.

Report 2024–2025

Der aktuelle State of Peace Report 2024–2025 zeichnet ein düsteres, aber vielschichtiges Bild von Simbabwes politischer und gesellschaftlicher Verfasstheit. 44 Prozent der Befragten fühlen sich sicher – ein niedriger Wert für ein Land, das offiziell keinen Krieg führt. 71 Prozent haben im vergangenen Jahr Gewalt erlebt oder beobachtet, meist in sozialem oder politischem Kontext. Das Vertrauen in Polizei und Staat ist auf Tiefststände gefallen: lediglich 17,9 Prozent glauben daran, dass das Recht durchgesetzt wird.

Die Ursachen sind bekannt, aber tief verwurzelt: eine jahrzehntelange Kultur der Straflosigkeit, wirtschaftliche Misere, korrupte Eliten und eine systematische Verengung des zivilen Raums (shrinking space). Der Bericht beschreibt Simbabwe als ein Land, das die koloniale „Architektur der Gewalt“ nie wirklich abgebaut hat. Nach der Unabhängigkeit 1980 habe die Regierung Mugabes die Strukturen der Unterdrückung übernommen, nicht zerstört. Das Gukurahundi-Massaker der 1980er-Jahre, bei denen über 20.000 Zivilist:innen getötet wurden, stehen symbolisch für diesen „Staat der Angst“.

Auch heute herrscht diese Logik fort: Das Regime von Präsident Emmerson Mnangagwa setzt auf ein autoritäres Verständnis von „Frieden“ – Stabilität durch Kontrolle, nicht durch Gerechtigkeit. Oppositionelle, Journalist:innen und Aktivist:innen werden eingeschüchtert, verhaftet oder verschwinden. Freedom House bewertet Simbabwe 2025 als nicht frei. Die Economist Intelligence Unit stuft das Land mit einem Demokratie-Index von 2,98 als autoritäres Regime ein.

Gesellschaft zwischen Lähmung und Widerstand

Trotz dieser Repressionen zeichnet der Bericht ein zweites, kraftvolles Bild: jenes einer widerständigen, kreativen Zivilgesellschaft. In allen zehn Provinzen dokumentiert ZimRights hunderte lokale Initiativen, die Frieden, Rechte und Gerechtigkeit von unten her aufbauen – von Mediationen bei Landkonflikten bis zu Friedensgärten, die Ernährungssicherheit mit sozialem Ausgleich verbinden.

Diese Peace Action Committees und Gemeindeprojekte ersetzen oft den Staat: Sie vermitteln in Streitfällen, fördern Bürgerrechte und schaffen Räume für Dialog, wo offizielle Institutionen versagen. Über 192.000 Bürger:innen wurden laut Bericht durch solche Programme erreicht. Diese Bewegung versteht Frieden nicht als bloße Abwesenheit von Gewalt, sondern als Zusammenspiel von Gerechtigkeit, ökonomischer Würde und sozialer Kohäsion.

Institutionelle Leere und die Krise der Versöhnung

Mit dem Auslaufen der National Peace and Reconciliation Commission (NPRC) 2022 ist Simbabwe praktisch ohne formale Friedensarchitektur. Die Nachfolgeinstitution, die Zimbabwe Independent Complaints Commission (ZICC), existiert zwar, bleibt aber politisch vereinnahmt. Ihre Unabhängigkeit ist fragil – wie auch jene der Zimbabwe Human Rights Commission (ZHRC), die Gewaltfälle nur begrenzt untersuchen darf (nicht vor 2008).

ZimRights fordert daher eine neue, dauerhafte und glaubwürdige Friedenskommission, ausgestattet mit Untersuchungs- und Sanktionsbefugnissen, insbesondere für historische Verbrechen wie Gukurahundi. Ohne institutionelle Wahrheit und Rechenschaft drohe die Wiederholung der Gewaltspirale.

Autoritärer Frieden versus positive Friedenskultur

Das Kernproblem, so der Bericht, ist der „Clash of Visions“: Der Staat setzt auf Sicherheit durch Einschüchterung. Die Bevölkerung will jedoch einen positiven Frieden: funktionierende Institutionen, Teilhabe, Rechtsstaatlichkeit.
Über 60 Prozent der Befragten geben an, sich bei öffentlichen Versammlungen unsicher zu fühlen; Protest gilt als „Sicherheitsrisiko“. Die Regierung kriminalisiert Versammlungen, infiltriert Demonstrationen und nutzt Gewalt, um Opposition zu diskreditieren. Ein „Klima der Angst“ dominiert den öffentlichen Raum.

Gleichzeitig zeigt der Bericht, dass Religion – paradoxerweise – als eines der letzten „sicheren Räume“ gilt: 75 Prozent der Befragten sehen hier noch freie Betätigung. Doch selbst Kirchen werden zunehmend politisch vereinnahmt, mit subtiler Überwachung und Loyalitätsdruck gegenüber der Regierungspartei ZANU-PF.

Wirtschaftliche Verwundbarkeit als Friedensfrage

Simbabwe steht wirtschaftlich am Rand des Zusammenbruchs. Laut des US-amerikanischen Ökonomen Steve Hanke liegt das Land 2025 weltweit auf Platz 2 der höchsten Inflationsraten. Dürre, Korruption und internationale Isolation verschärfen die Armut. 68 Prozent der Befragten nennen Arbeitslosigkeit als Hauptursache von Gewalt. Der Bericht betont, dass Frieden nicht von Polizei oder Militär geschaffen wird, sondern durch wirtschaftliche Chancen, Bildung und faire Institutionen.

Empfehlungen an Regierung, Zivilgesellschaft und internationale Gemeinschaft

Für die Regierung Simbabwes:
- Entwicklung einer nationalen Policy on Peace, Healing and Reconciliation, integriert in die Entwicklungsstrategie NDS 2 (2026–2030).
- Schaffung einer unabhängigen Friedenskommission, die historische Gewalt aufarbeitet und Wiedergutmachung ermöglicht.
- Umsetzung der AU Transitional Justice Policy.
- Entpolitisierung des Sicherheitsapparate* und strikte zivile Kontrolle über Polizei und Armee.
- Durchsetzung von Integritätsregeln für traditionelle Führer.

Für Zivilgesellschaft und Medien:
- Fortsetzung der Aufarbeitung von Gukurahundi, auch ohne staatliche Unterstützung.
- Schutz und Ausbau des zivilgesellschaftlichen Raums.
- Aufbau lokaler Frühwarnsysteme und digitaler Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen.

Für die internationale Gemeinschaft – insbesondere EU und Deutschland:
- Politischen Druck mit gezielter Unterstützung kombinieren: stärker für die Unabhängigkeit von Institutionen wie der ZICC und ZHRC einsetzen, gleichzeitig lokale Friedensinitiativen direkt fördern.
- Konditionierte Entwicklungszusammenarbeit: Hilfe nur, wenn Regierung messbare Fortschritte bei Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten nachweist.
- Partnerschaften mit Universitäten und NGOs zur Stärkung methodischer Qualität und Forschung über Friedensindikatoren.
- Schutzprogramme für bedrohte Aktivist:innen sowie flexible Mikrofinanzierung lokaler Friedensprojekte.
- Diplomatische Balance: Keine Isolation, aber klare Grenzen gegenüber Repression. Dialog mit Zivilgesellschaft – nicht nur mit Regierung.

Fazit: Frieden wächst von unten – oder gar nicht

Der State of Peace Report ist ein Weckruf. Er zeigt ein Simbabwe, das zwischen autoritärer Erstarrung und gesellschaftlicher Erneuerung pendelt. Der Staat regiert mit Angst, die Gesellschaft antwortet mit Mut. Wenn Europa hinsieht, zuhört und solidarisch handelt, kann es zum Verstärker jener Kräfte werden, die aus der Asche der Gewalt eine gerechtere Zukunft schaffen wollen. „In diesen Gärten pflanzen wir nicht nur Samen, sondern die Träume eines friedlichen Morgen.“

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Gesellschaft zusammenbringen

Um Gesellschaft (wieder) zusammenzubringen und um dem Gemeinwohl zu dienen, unterstützt und verbreitet die WÖK den Ansatz der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ). Die GWÖ legt die Werte Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Mitbestimmung und Transparenz als "Maßstab" fest. Das Wohl von Menschen und Umwelt (Gemeinwohl) und ein gutes Leben für alle wird zum obersten Ziel des Wirtschaftens. Dieser wertebasierte und ganzheitliche Ansatz harmoniert auch sehr stark mit den SDGs. Deshalb integriert die WÖK die GWÖ in ihren Projekten und sieht hier ein großes Potenzial für Veränderung.

Klimagerechtigkeit

Wir stärken mit unserer Arbeit das Engagement für Klimagerechtigkeit – in der Gesellschaft, der Politik und auch in der Kirche. Die Idee der Klimagerechtigkeit liegt darin, die Lasten des Klimawandels gerecht zu verteilen – sowohl weltweit (räumliche Dimension) als auch zwischen den Generationen (zeitliche Dimension) – und sich für die Gestaltung einer klimagerechten Zukunft einzusetzen. Dazu zählen der Klima- und Ressourcenschutz, die Stärkung der Anpassungsfähigkeit (Klimaresilienz), die Bewältigung klimabedingter Schäden, der Wandel zu einer klimaneutralen Wirtschafts- und Lebensweise unter besonderer Wahrung der Menschenrechte und die Sicherstellung einer angemessenen Finanzierung.

Forum Menschenrechte

Die WÖK ist Mitglied im Forum Menschenrechte, einem Netzwerk von über 50 Organisationen, die sich für einen verbesserten, umfassenden Menschenrechtsschutz einsetzen. Wir verfassen jährlich sogenannte Aides Memoires etwa zu Namibia oder Simbabwe, die über das Forum an das Außenministerium weitergeleitet werden und die Grundlage für weitere Lobbyarbeit zu diesen Ländern darstellen.

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