Guardians of seeds, land and life. Unterwegs im Südlichen Afrika mit Bäuerinnen und ihrem Saatgut

Warum diese Geschichten uns etwas angehen

Simone Knapp, Vera Dwors

Eine Handvoll Saatgut kann eine Geschichte erzählen. Von einer Mutter, die ihrer Tochter Samen weitergibt. Von einer Bäuerin, die nach einer Dürre neue Sorten entwickeln. Von Frauen, die ihr Saatgut teilen, damit es weiterlebt. Wer eigenes Saatgut hat, kann sich ernähren, handeln, unabhängig sein und Zukunft gestalten.

Die Frauen der Rural Women’s Assembly (RWA) verstehen sich als Hüterinnen und Bewahrerinnen von Saat, Land und Leben. Ihr Wissen ist über Generationen entstanden: durch Beobachten, Ausprobieren, Auswählen, Bewahren und Weitergeben. Ihre Samen sind an lokale Böden und Klimabedingungen angepasst und tragen zugleich kulturelle Erinnerungen in sich. Saatgut ist niemals nur Ware. Es ist Ernährung, Unabhängigkeit, Identität und gemeinsames Erbe.

Gerade in Zeiten der Klimakrise gewinnt dieses Wissen neue Bedeutung. Wenn Dürren zunehmen, Böden auslaugen und Wetterbedingungen unberechenbarer werden, braucht es eine Vielfalt von Pflanzen und Sorten, die sich an unterschiedliche Bedingungen anpassen können.

Weltweit werden jedoch Samen zunehmend reguliert und kommerzialisiert. Abkommen zum Schutz geistiger Eigentumsrechte an Pflanzensorten wie das UPOV 91 können bestimmen, wer Saatgut vermehren, verkaufen oder weitergeben darf. Für Kleinbäuerinnen kann das weitreichende Folgen für ihre eigenen Saatgutkreisläufe haben: Sie verlieren ihre Ernährungssouveränität und ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit.

Diese Debatte betrifft auch uns. Die europäischen Agrar- und Handelspolitiken beeinflussen, welche Landwirtschaft im Globalen Süden gefördert wird und welche Regeln für Saatgut gelten. Europäische Unternehmen gehören zu den großen Akteuren auf den globalen Saatgutmärkten. Wenn wir hier über geistige Eigentumsrechte, Handelsabkommen, Züchtung oder Agrarsubventionen diskutieren, entscheiden wir mit, welche Handlungsspielräume Bäuerinnen und Bauern anderswo haben.

Die Geschichte der industriellen Landwirtschaft ist geprägt von kolonialen Machtverhältnissen, in denen Wissen, Pflanzen und genetische Ressourcen aus dem Globalen Süden gesammelt, wissenschaftlich bearbeitet und später kommerziell genutzt wurden. Die Leistungen der Gemeinschaften, die diese Vielfalt über Generationen geschaffen und erhalten haben, blieben dabei unsichtbar.

Die Ausstellung setzt dieser Unsichtbarkeit Geschichten entgegen.

Sie zeigt Frauen nicht als passive Empfängerinnen von Entwicklungshilfe, sondern als Wissende, Produzentinnen, Unternehmerinnen und politische Akteurinnen. Aus einer Handvoll geteilter Samen wird eine Bewegung für Ernährungssouveränität: das Recht von Menschen und Gemeinschaften, selbst darüber zu bestimmen, wie sie ihre Nahrung produzieren, welches Saatgut sie verwenden und wie ihre Ernährungssysteme gestaltet sind. Empowerment beginnt dabei ganz konkret – mit Land unter den Füßen und Saatgut in den eigenen Händen.

Wer diese Ausstellung betrachtet, begegnet deshalb nicht nur den Lebensgeschichten von Frauen im südlichen Afrika. Wir begegnen einer Frage, die uns alle betrifft: Wie wollen wir in Zukunft Landwirtschaft betreiben? Wem gehören die Grundlagen unseres Lebens? Und welches Wissen wollen wir bewahren und weitergeben?

Die Frauen haben darauf eine klare Antwort: Saatgut ist Zukunft. Und Zukunft lässt sich nicht privatisieren.

Ausstellungstafeln

Die Rural Women’s Assembly (RWA) ist eine unabhängige und selbstorganisierte Bewegung von Frauen aus ländlichen Gemeinschaften im südlichen Afrika – von Kleinbäuerinnen, Saatguthüterinnen und bäuerlichen Produzentinnen. 250 Frauen gründeten 2009 die RWA unter dem Motto „Hüterinnen von Land, Leben und Liebe.“

Mehr als ein Jahrzehnt später verbindet die Bewegung über 150.000 Frauen in zehn Ländern des südlichen Afrikas. Sie eint die Überzeugung, dass Landfrauen nicht nur die Grundlage der Ernährung ihrer Gemeinschaften sichern, sondern auch Hüterinnen von Land, Leben, Saatgut und Wissen sind.

Die RWA ist tief in den Dörfern und ländlichen Gemeinschaften der Region verwurzelt. Sie ist aus gemeinsamen Kämpfen entstanden: für den Schutz traditionellen Saatguts und des über Generationen weitergegebenen Wissens gegen die Vereinnahmung durch Agrarkonzerne; für Landrechte, Klimagerechtigkeit und Ernährungssouveränität; gegen patriarchale Gewalt und Ausgrenzung; und für ein selbstbestimmtes weibliches Führungsverständnis, das Frauen ermutigt, ihre Stimmen zu erheben und ihre eigenen Anliegen zu vertreten.

Die RWA schafft Räume, in denen Frauen voneinander lernen, gemeinsam handeln und ihre Zukunft selbst gestalten.

„Diese fotografische Dokumentation und die Forschung, aus der sie entstanden ist, markieren den Beginn einer neuen und bedeutenden Etappe. Sie erzählen von Frauen, die seit Generationen Wissen bewahren und die Zukunft ihrer Gemeinschaften sichern. Die Schwestern der RWA sind Hüterinnen von Saatgut und Land. Doch ihre Arbeit bleibt oft unsichtbar und wird nur selten anerkannt. Diese Ausstellung gibt ihrer Arbeit Raum und macht sichtbar, was so lange übersehen wurde. Sie lädt dazu ein, neu über Saatgut nachzudenken – als Grundlage von Leben, Wissen, Unabhängigkeit und Zukunft.  Und sie eröffnet einen Raum für gemeinsames Lernen und Handeln.“ Mercia Andrews, Western Cape, Südafrika

Die Kurator:innen

Diese fotografische Dokumentation wurde von drei aktivistischen Forscher:innen konzipiert und umgesetzt. Ihre Arbeit verbindet wissenschaftliche Forschung mit langjährigem Engagement für soziale Gerechtigkeit, feministische Perspektiven und die Stärkung ländlicher Gemeinschaften.

Dr. Daniel Chavez (Uruguay) ist visueller Anthropologe und Politökonom mit Sitz in den Niederlanden. Er studierte Sozialanthropologie in Montevideo und Entwicklungsforschung in Den Haag. Er koordinierte das GreenPaths-Projekt des Transnational Institute (TNI) in Amsterdam und arbeitete als Senior Research Associate an der University of Johannesburg.

Dr. Donna Andrews (Südafrika), Politökonomin und feministische Theoretikerin forscht am Ethics Lab des Neurowissenschaftlichen Instituts der University of Cape Town zu den Bedeutungen und Praktiken von Solidarität. Von 2013 bis 2019 koordinierte sie die feministischen Schulen der RWA. Sie promovierte in Politischer Theorie an der UCT.

Dr. Suzall Timm (Südafrika) legt ihren Schwerpunkt als Kriminologin auf Regulierung und informellen Ökonomien. Sie lehrt am Department of Anthropology and Development Studies der University of Johannesburg. Gemeinsam mit Dr. Andrews entwickelte sie den Kurs Radical Activism: Epistemology, Agency and Positionality. Sie promovierte in Kriminologie an der University of Cape Town.

Forschungsethik

Dieses foto-dokumentarische Forschungsprojekt wurde von der Ethikkommission der Fakultät für Geisteswissenschaften der University of Johannesburg geprüft und genehmigt (Referenznummer: REC-01-036-2021). Für alle Zitate sowie für sämtliche Fotografien der Frauen und der abgebildeten Kinder unter achtzehn Jahren wurde eine informierte Zustimmung eingeholt. Das Projekt orientiert sich an internationalen, nationalen und institutionellen Richtlinien für einen respektvollen und verantwortungsvollen Umgang mit allen Beteiligten. Es erfüllt die geltenden ethischen und rechtlichen Standards und versteht Forschung als einen Prozess, der auf Vertrauen, Respekt und gegenseitiger Verantwortung beruht.

Werkstatt Ökonomie/KASA 

Die Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika (KASA) ist ein Projekt der Werkstatt Ökonomie und arbeite seit 30 Jahren zu Fragen sozioökonomischer Gerechtigkeit im Südlichen Afrika und hier.

Simone Knapp ist Ethnologin und Referentin der KASA und Geschäftsführerin der Werkstatt Ökonomie.

Südafrika Form NRW

Das Südafrika Forum NRW unterstützt Begegnungen und Austausch zwischen Südafrika und Nordrhein-Westfalen und trägt zum gemeinsamen, internationalen Lernen bei - in den Projekten und Kooperationen stehen vielfältige Themen im Mittelpunkt.

Vera Dwors ist Geografin und arbeitet seit vielen Jahren als Promotorin für entwicklungspolitische Bildungsarbeit für das Eine Welt Netz NRW und als Geschäftsführerin des Südafrika Forum NRW.

Downloads

 Checkliste_WOK_RWA 

WOK_Anleitung_Ausstellung_RWA 

 

Guardians of seeds, land and life. Unterwegs im Südlichen Afrika mit Bäuerinnen und ihrem Saatgut

Lesen ...

Marikana

Ausstellung zu Marikana

Lesen ...

FarmarbeiterInnen erheben ihre Stimme

Lesen ...

Veranstaltungen

Colonial Wars, Racial Hierarchies and Mobility in the 21st Century
Symposium
17. Sep. 09.00 Uhr - 18. Sep. 2026 16.00 Uhr, Hybrid, Mytilene (Lesvos, Greece)

Gerechter Frieden: Mehr als das Schweigen von Waffen
23. Sep. 19.00 Uhr - 23. Sep. 2026 21.00 Uhr, Pfarrheim Liebfrauen-Überwasser, Kathagen 2, 48143 Münster

Koloniale Kontinuitäten im Fairen Handel.
29. Sep. 18.00 Uhr - 29. Sep. 2026 20.00 Uhr, Online

Of Mud and Blood – Im Rausch der Hoffnung
Film und Diskussion
07. Okt. 19.30 Uhr , Cinema Quadrat, Mannheim

Planungstreffen zum Wirtschaftswende Kongress 2027
09. Okt. 15.00 Uhr - 09. Okt. 2026 18.00 Uhr, DEAB, Stuttgart

Konzepte und Visionen zur Transformation Afrikas.
09. Okt. 17.00 Uhr - 09. Okt. 2026 19.00 Uhr, Die Hegge, Niesen - Hegge 4, 34439 Willebadessen

Völkerrecht am Ende? Afrikanische Ressourcen und Strategien für eine Zukunft jenseits des Imperialismus
Konferenz Afrika neu denken 23. Okt. 17.00 Uhr - 23. Okt. 2026 21.00 Uhr, Ubuntu Haus, Rehstr. 23c, Frankfurt

Sambia – Ein Land im Wandel
Globale Krisen, Rohstoffe und die Suche nach einer gerechten Entwicklung
24. Okt. 18.00 Uhr , Welthaus, Rosental 1, 44135 Dortmund

Südafrika 2026: Was ist aus den Versprechen des Befreiungskampfes geworden?
30. Okt. 19.00 Uhr , St. Albert Kirche Heidelberg

Jetzt erst recht gerecht! Allianzen stärken für globale (Schulden-)Gerechtigkeit
06. Nov. 00.00 Uhr , Jugendherberge Heidelberg

Für eine lebensfreundliche Zukunft: Mehr Kooperation in der Region
20. Nov. 09.15 Uhr - 20. Nov. 2026 11.45 Uhr, Bürgerhaus Freiburg-Zähringen, Lameystraße 2