Guardians of seeds, land and life. Unterwegs im Südlichen Afrika mit Bäuerinnen und ihrem Saatgut
Warum diese Geschichten uns etwas angehen
Simone Knapp, Vera Dwors
Eine Handvoll Saatgut kann eine Geschichte erzählen. Von einer Mutter, die ihrer Tochter Samen weitergibt. Von einer Bäuerin, die nach einer Dürre neue Sorten entwickeln. Von Frauen, die ihr Saatgut teilen, damit es weiterlebt. Wer eigenes Saatgut hat, kann sich ernähren, handeln, unabhängig sein und Zukunft gestalten.
Die Frauen der Rural Women’s Assembly (RWA) verstehen sich als Hüterinnen und Bewahrerinnen von Saat, Land und Leben. Ihr Wissen ist über Generationen entstanden: durch Beobachten, Ausprobieren, Auswählen, Bewahren und Weitergeben. Ihre Samen sind an lokale Böden und Klimabedingungen angepasst und tragen zugleich kulturelle Erinnerungen in sich. Saatgut ist niemals nur Ware. Es ist Ernährung, Unabhängigkeit, Identität und gemeinsames Erbe.
Gerade in Zeiten der Klimakrise gewinnt dieses Wissen neue Bedeutung. Wenn Dürren zunehmen, Böden auslaugen und Wetterbedingungen unberechenbarer werden, braucht es eine Vielfalt von Pflanzen und Sorten, die sich an unterschiedliche Bedingungen anpassen können.
Weltweit werden jedoch Samen zunehmend reguliert und kommerzialisiert. Abkommen zum Schutz geistiger Eigentumsrechte an Pflanzensorten wie das UPOV 91 können bestimmen, wer Saatgut vermehren, verkaufen oder weitergeben darf. Für Kleinbäuerinnen kann das weitreichende Folgen für ihre eigenen Saatgutkreisläufe haben: Sie verlieren ihre Ernährungssouveränität und ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit.
Diese Debatte betrifft auch uns. Die europäischen Agrar- und Handelspolitiken beeinflussen, welche Landwirtschaft im Globalen Süden gefördert wird und welche Regeln für Saatgut gelten. Europäische Unternehmen gehören zu den großen Akteuren auf den globalen Saatgutmärkten. Wenn wir hier über geistige Eigentumsrechte, Handelsabkommen, Züchtung oder Agrarsubventionen diskutieren, entscheiden wir mit, welche Handlungsspielräume Bäuerinnen und Bauern anderswo haben.
Die Geschichte der industriellen Landwirtschaft ist geprägt von kolonialen Machtverhältnissen, in denen Wissen, Pflanzen und genetische Ressourcen aus dem Globalen Süden gesammelt, wissenschaftlich bearbeitet und später kommerziell genutzt wurden. Die Leistungen der Gemeinschaften, die diese Vielfalt über Generationen geschaffen und erhalten haben, blieben dabei unsichtbar.
Die Ausstellung setzt dieser Unsichtbarkeit Geschichten entgegen.
Sie zeigt Frauen nicht als passive Empfängerinnen von Entwicklungshilfe, sondern als Wissende, Produzentinnen, Unternehmerinnen und politische Akteurinnen. Aus einer Handvoll geteilter Samen wird eine Bewegung für Ernährungssouveränität: das Recht von Menschen und Gemeinschaften, selbst darüber zu bestimmen, wie sie ihre Nahrung produzieren, welches Saatgut sie verwenden und wie ihre Ernährungssysteme gestaltet sind. Empowerment beginnt dabei ganz konkret – mit Land unter den Füßen und Saatgut in den eigenen Händen.
Wer diese Ausstellung betrachtet, begegnet deshalb nicht nur den Lebensgeschichten von Frauen im südlichen Afrika. Wir begegnen einer Frage, die uns alle betrifft: Wie wollen wir in Zukunft Landwirtschaft betreiben? Wem gehören die Grundlagen unseres Lebens? Und welches Wissen wollen wir bewahren und weitergeben?
Die Frauen haben darauf eine klare Antwort: Saatgut ist Zukunft. Und Zukunft lässt sich nicht privatisieren.
Ausstellungstafeln
Weniger allein mit meinen Schwestern
Mit achtzehn bekam ich mein erstes Kind. Später verließ mich mein Mann. Er nahm sich eine andere Frau und ließ mich mit unseren acht Kindern zurück. Vier von ihnen gingen damals noch zur Schule. Ich war fünfundvierzig, als er ging.
Ich weinte. Doch dann stand ich auf und ging aufs Feld. Ich pflanzte Mais und Maniok an, damit meine Kinder genug zu essen hatten.
Ich bin allein, und manchmal ist die Einsamkeit schwer auszuhalten. Aber wenn ich mit meinen RWA-Schwestern zusammen bin, fühle ich mich nicht mehr so allein.
Simangele Msibi, Langa, Lubombo-Region, eSwatini
Ich werde nicht leiden
Wer Land besitzt, eigenes Saatgut hat und von starken Frauen umgeben ist, wird niemals hungern. RWA gibt dir kein Geld. Sie schenken dir etwas Wertvolleres: das Wissen, dein Leben mit anderen Augen zu sehen und selbst in die Hand zu nehmen.
Vieles von dem, was ich heute habe, verdanke ich auch der RWA: unsere Hausgärten, den Zugang zu Wasser, gesundes Essen und sogar die Kaninchenzucht. Meine Tochter und ich arbeiten Seite an Seite. Bei RWA leben wir nach einem einfachen Prinzip: Jede Frau gibt ihr Wissen weiter. Jede lernt von der anderen.
Thoko Dlamini und Lonhanhla Mthethwa, Mbeka, Shiselweni-Region, eSwatini
Was ich empfangen habe, gebe ich weiter
Lange Zeit war ich darauf angewiesen, dass andere Menschen mir halfen. Heute gebe ich zurück, was ich selbst erfahren durfte.
Von meinen RWA-Schwestern bekam ich Erdnüsse. Es schenkt mir gute Ernten. Einen Teil verkaufe ich, aber viel lieber teile ich meine Ernte mit Waisen, Witwen und älteren Frauen, als daraus nur Gewinn zu machen.
Viele Menschen haben mir geholfen, mich ernährt und mich getragen. Deshalb vermehre und bewahre ich Saatgut, pflanze und ernte. Niemand in meiner Umgebung soll hungern müssen.
Doris Dlamini und ihr Sohn Sifiso Ntsetselelo Masuku, Nkhomonye, Shiselweni Region, eSwatini
Ich habe klein angefangen
Ich begann ganz klein, Schritt für Schritt. Und irgendwann merkte ich: Jetzt gibt es kein Zurück mehr.
Alles, was ich heute besitze, habe ich mit meinen eigenen Händen aufgebaut – gemeinsam mit meinen Schwestern aus der RWA. Wenn ich stolpere, fangen sie mich auf. Früher gab es hier weder Strom noch fließendes Wasser. Ich schob das Wasser mit der Schubkarre nach Hause. Heute habe ich einen Wasserhahn und einen Wassertank. Manchmal liege ich nachts wach und kann kaum glauben, wie sehr sich mein Leben verändert hat.
Ich möchte mit anderen Frauen teilen und ihnen zeigen: Wir dürfen unser Saatgut nicht einfach aufessen. Wir müssen es bewahren – für die nächste Aussaat, für die nächsten zwanzig oder fünfzig Jahre. So müssen wir es nicht immer wieder neu kaufen.
Nicht alles im Leben dreht sich um Geld. Meine Mutter hat mir beigebracht: Was du erhältst, musst du weitergeben.
Reinette Heunis, Suurbraak, Western Cape, Südafrika
Als Chief ist es meine Aufgabe, die Erde zu schützen
Konflikte zu schlichten und den Frieden in der Gemeinschaft zu wahren, gehören zu meinen wichtigsten Aufgaben. Doch meine Verantwortung endet nicht dort. Ich muss auch dafür sorgen, dass unser Land geschützt wird, dass die Böden nicht erodieren und auch die kommenden Generationen noch gute Ernten einbringen können.
Frauen sollten Land besitzen. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit.
Dies ist mein Ort, mein Zuhause. Hier lebe ich mit meiner Familie. Es ist unser gemeinsames Land. Wir bewirtschaften sechs Hektar – Seite an Seite.
Die Dürre hat die Erträge unserer Saat beeinflusst, und der Klimawandel verändert unsere Landwirtschaft grundlegend. Deshalb arbeiten wir daran, traditionelle Sorten miteinander zu verbinden und Saatgut zu entwickeln, das besser zu den Bedingungen dieser Region passt.
Thembi Mziyako, Ngcina, Lubombo Region, eSwatini
Ich bin Geschäftsfrau
Ich bewahre Saatgut, weil Frauen das Leben bewahren. Ohne Leben gibt es keine neue Saat. Deshalb sammle ich Samen, schütze sie und gebe sie an die nächste Generation weiter.
Inzwischen habe ich ein eigenes Haus. Ich betreibe einen kleinen Laden und stelle Chutneys, Marmeladen und Chilisaucen her. Ich bin Geschäftsfrau.
Maletsie Ramaema, Ha-Ramokoroane, Maseru, Lesotho
Warum ich?
Ich war die Einzige, die Mpati eingeladen hatte, zum RWA-Treffen in Maseru zu kommen. Zuerst war ich skeptisch. Ich fragte mich immer wieder: Warum ich? Ich bin doch schon so alt…
Am nächsten Morgen ging ich zu ihnen. Und dann geschah etwas, das ich nie vergessen werde: Wie diese Frauen mich aufgenommen haben! Ich kann es kaum beschreiben. Es fühlte sich an, als wäre ich schon immer Teil dieser Gemeinschaft gewesen.
Ich arbeite hart. Dieses Saatgut wurde mir von meinen Vorfahren und Ältesten geschenkt. Wenn wir es immer wieder neu aussäen, wird es erneuert. Es wird niemals alt.
Mein gesamtes Saatgut erhielt ich von meiner Schwiegermutter.
Diese Sorten trotzen Sonne und Regen. Nur das Sorghum müssen wir vor den Vögeln schützen.
Roten Rapoko (Fingerhirse) liebe ich über alles. Aus ihm kochen wir Porridge und Sadza – er gibt mir Kraft. Außerdem bereiten wir daraus Mahewu, ein traditionelles fermentiertes Getränk. Ich bewirtschafte zweieinhalb Hektar Land. Dort wachsen Rapoko, Bohnen, Kuhbohnen und Erdnüsse. Ich kenne keinen Hunger.
Von unserer Ernte verkaufen wir einen Teil. Den anderen bewahren wir auf – als Nahrung für unsere Familie und als Saatgut für die nächste Aussaat.
Mavis Musakwa, Chiendambuya, Manicaland, Simbabwe
Zviyo
Ich bin stolz auf meine rote Fingerhirse. Wir essen sie selbst, und sie ernährt unsere Familie. Diese Kürbissorte reift hier besonders früh. Deshalb kann ich viele Früchte verkaufen. Aus den Samen pressen wir Öl, und aus den gemahlenen Kernen bereiten wir ein köstliches Gericht zu, das wir Mabumbe nennen. Die Fingerhirse – bei uns heißt sie Zviyo – verwenden wir auch, um Bier für die traditionellen Zeremonien zu Ehren unserer Ahnen zu brauen.
Benenia Jeche, Makoni, Simbabwe
Die Arbeit hört nie auf
Noch vor Sonnenaufgang stehen sie auf. Sie kümmern sich um ihre Familien, holen Wasser, kochen, pflegen Kranke und sorgen dafür, dass am Ende des Tages genug Geld und Essen da sind. Danach gehen sie auf die Felder. Sie pflügen, säen, jäten, ernten und verkaufen ihre Erzeugnisse.
Mein Saatgut ist mein Leben, mein Licht und meine Stärke. Es gibt mir Sicherheit. Solange ich es bewahre, bin ich unabhän gig und muss keine Samen von anderswo suchen.
Dieses Saatgut ist nahrhaft, ursprünglich und widerstandsfähig. Es trotzt Dürre, Krankheiten und Schädlingen. Meine Vorfahren haben es mir anvertraut, und ich werde es an die nächste Generation weitergeben.
Annie Mutale, Chilonga, Shibuyunji, Sambia
Ich habe noch nie Saatgut gekauft
Seit zwanzig Jahren bewirtschafte ich mein Land. Ich habe noch nie Saatgut von jemandem gekauft. Ich baue weißen und braunen Reis an, Sonnenblumen, Sojabohnen, Fingerhirse, Kaffeebohnen, Nüsse, Mais und Erdnüsse. Aus Sorghum und Mais mahlen wir unser Mehl.
Mein Saatgut gibt mir alles, was ich brauche: Nahrung, Einkommen und Unabhängigkeit.
Tina Zumbika, Mukamba, Manicaland, Simbabwe
Unser Schöpfer hat die Saat aus einem Grund geschaffen
Es hat mich traurig gemacht, als ich erkannte, dass einige der Samen, die ich bewahrte, eine besondere Bedeutung für unsere Gesundheit haben können. Diese bunten Samen und Früchte, die roten, die gelben – sie tragen so viel Wissen in sich, das wir noch nicht vollständig verstehen.
Wenn ich ins Krankenhaus gehe, sage ich meinen Freundinnen: Gebt nicht auf. Bewahrt eure Samen, ernährt euch vielfältig, sorgt für euch selbst.
Ich liebe Saatgut, weil es noch so viele Geheimnisse in sich trägt. Wir werden immer mehr über seine Kraft lernen. Unser Schöpfer hat es aus einem bestimmten Grund geschaffen.
Precious Shonga-Mwale (rechts) mit Ruth Zulu Chatta auf dem Heimweg von der RWA Saatgutmesse auf Precious’ Hof. Mukopola, Rufunsa, Sambia.
Das Leben ist schwer
Jeden Morgen stehe ich um fünf Uhr auf und gehe aufs Feld. Meine Kinder stehen um sechs Uhr auf, machen sich fertig und laufen zwei Stunden zur Schule. Wenn sie zurückkommen, essen sie ihre erste Mahlzeit des Tages.
Ich koche Nshima (Maisbrei) zum Mittagessen und Nshima zum Abendessen. Manchmal gibt es nur eine Mahlzeit am Tag.
Ein Teil meines Saatguts bekam ich von den RWA Frauen.
Meine Stärke ist mein Land, mein Saatgut und mein Wissen.
Für mich bedeutet ein gutes Leben, genug zu produzieren, um meine Familie zu ernähren. Aber auch genug zu erwirtschaften, um die Bedürfnisse meiner Enkelkinder zu erfüllen – vor allem ihre Bildung zu ermöglichen.
Das ist für mich ein gutes Leben.
Rita Alberto Nhabanga
Margarida Munguambe Cumbe (links) und Rita Alberto Nhabanga, Marracuene, Maputo, Mosambik
Unser Stammbaum
Von links nach rechts und von oben nach unten: Mapaseka Mareli, Mutter der Saatgutbewahrerin Ntsoaki Mekhoe, Botshabelo, Freistaat, Südafrika. Rita Alberto Nhabanga mit ihren Enkelkinden, Marracuene, Maputo, Mosambik. Doris Dlamini und ihr Sohn Sifiso Ntsetselelo Masuku, Nkhomonye, Shiselweni Region, eSwatini. Thuli Khumalo mit Sohn Syabonga Gabriel. Sigombeni, Manzini Region, eSwatini. Thembi Mziyako mitEhemann Stanford Madvodlwana Mziyako, Ngcina, Lombobo, eSwatini. Celiwe Masondo und Tochter Pretty Nontobeko Gamedze, Lumbobo, eSwatini. Beauty Gombwe, Mavis Musakwa und Francisca Nyazorwe, Chiendambuya, Manicaland, Simbabwe. Chiedza Muchara, Ivy Muuya Magore und Thandiwe Chidavarume, Mukamba, Makoni, Simbabwe. Margarida Munguambe Cumbe mit ihrem Enkel, Marracuene, Maputo, Mosambik.
Schwestern, Kameradinnen, Freundinnen
(Von links nach rechts und von oben nach unten) Botshabelo RWA Agroecology Hub Free State, Südafrika: Maseloko Thabeng, Moipone Jwayi, Ntsoaki Mekhoe, Nontsizi Khitsane, Suzall Timm. Suurbraak RWA Agroecology Hub Western Cape, Südafrika: Reinette Heunis, Janice Fielies, Mary Marthinus, Nicolene Louw, Elsie Sauls, Winnie Arnoldus, and Magrieta Prins. RWA Mitglieder auf dem Weg zur Saatgutmesse in Rufunsa, Sambia. Auf dem Weg zum RWA Gender Based Violence Workshop: Mpandeni, Shiselweni, eSwatini. Tendai Chibanda trägt ein RWA shirt, Wedza District, Mashonaland Simbabwe. RWA Mitglieder bei der Gambiza Community Seed Bank, Gweru, Midlands, Simbabwe. RWA meeting bei Matankiso Mothae zuhause in Monontsa, Butha-Buthe, Lesotho. RWA bei der Good Seed Fair im Botanical Gardens, Harare, Simbabwe: Hellen Dera, Tshiyiwe Sibula, Mavis Musakwa, Dudzai Nyamadzawo, Chengetai Zonke Sangano, Tendai Chibanda, Agather Changunda, Thandiwe Chidavarume.
Unsere Hände, unsere Füße
Für mich ist Saatgut zugleich Herkunft und Identität. Unsere indigenen Samen bedeuten Leben. Sie bedeuten Nahrung, Erinnerung und Verbundenheit mit unserer Erde.
In jedem Samenkorn steckt unsere Geschichte. Und mit jeder Aussaat geben wir nicht nur Wissen weiter – wir bewahren unsere Kultur und tragen sie in die Zukunft.
Grace Tepula, Ndola, Copperbelt, Sambia
Hände und Füße von RWA-Mitgliedern auf der Farm von Lucinda Timane, Palmeira, Mozambique.
Wir bewirtschaften das Land
Mosambikanische Bäuerinnen von der Graça Machel Rural Association, Maputo
Großes Bild: Margarida Vasco. Oben rechts: Albertina Fazenda. Mitte: Gentrudes Quimbe and Gilda Langa. Unten: Eliza Fazenda.
Malawische Kraft, Stolz und Lebensfreude
„Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind miteinander verbunden durch die unermüdliche Arbeit der Hüterinnen des Saatguts. Indem sie bewahren, schützen und weitergeben, halten sie die Erinnerung ihrer Vorfahren lebendig und tragen die Verbundenheit mit Erde, Wasser und Leben in die Zukunft.“
Unten von linksnach rechts: Magret Semu, showcasing her seeds. Patricia Kalirangwe and Edina Chiphwany. Joice Kabudula, Joice Chisamba, and Joice Zinosi. Aufdem Rückweg vom RWA meeting in Kalumbu, Malawi.
Mit dem Saatgut kam die Freiheit
Ich habe hart gearbeitet – gemeinsam mit meinen Kindern – und dieses Haus gebaut.
Seit vielen Jahren bewahre ich Saatgut. Es hat mir geholfen, mein Leben aufzubauen. Durch den Verkauf von Saatgut konnte ich sogar einen Kleinbus kaufen.
Ich kam aus Harare. Durch die Landreform bekam ich 26 Hektar. Wir zogen auf die Farm und bauten zunächst ein einfaches Lehmhaus, das ich mit meinen drei Söhnen teilte.
Ich war verheiratet, aber mein Mann war gewalttätig. Ich verließ ihn.
Heute stehe ich auf meinem eigenen Land. Mein Saatgut hat mir geholfen, ein neues Leben aufzubauen.
Georgina Makaza (links im Hauptbild), und Georgina Minizhu, Gweru, Midlands, Simbabwe
Heute bin ich eine Kämpferin
Als alleinstehende Frau habe ich meine Kinder zur Schule geschickt. Doch ich bin noch nicht am Ende meines Weges. Mein Traum ist es, eine erfolgreiche kommerzielle Kleinbäuerin zu werden.
Früher war ich eine Frau ohne Stimme. Heute stehe ich auf und spreche. Ich kämpfe für die Rechte von Frauen – in meiner Gemeinschaft und darüber hinaus.
Nothing for us without us (Nichts für uns – ohne uns). Und nichts ohne die Bäuerinnen.
Keine Landwirtschaft. Keine Nahrung. Kein Leben.
Alice Kachere, Chimphedu, Lilongwe, Malawi
Ein kostbares Geschenk
Wenn wir andere Frauen um Saatgut bitten, bitten wir nicht um große Mengen. Wir erhalten nur eine Handvoll – und aus dieser Handvoll lassen wir neues Leben entstehen.
Die Saat vermehrt sich von selbst. Aus wenigen Körnern wächst immer mehr, bis wir genug haben, um diese Sorte weiterzugeben und mit anderen Bäuerinnen zu teilen.
Rose Mutenure, Sangano, Manicaland, Simbabwe
Lokale Saatgutvielfalt aus sieben Ländern des südlichen Afrikas: eSwatini, Lesotho, Malawi, Mosambik, Südafrika, Sambia und Simbabwe.
Ich bin das Samenkorn
Wenn ich an Saatgut denke, denke ich an mich selbst. Ich bin Teil der Saat.
Ohne Saatgut kann ich nicht leben. Ohne Saatgut kann ich mein Land nicht bewirtschaften.
Denn in jedem Samenkorn liegt Leben.
Mary Sakala, Shamizhinga, Mumbwa, Sambia
Unser Saatgut ist unser Erbe
Saatgut ist unser Erbe. Ohne Saatgut verlieren wir ein Stück unserer Identität.
Seit Generationen bewahren wir Samen, damit das Leben weitergeht und unsere Kinder und Enkelkinder Nahrung haben. Unsere traditionellen Sorten wachsen zuverlässig, sie sind an unsere Böden angepasst und wir müssen sie nicht kaufen. Wir erhalten sie durch Teilen – von Freundinnen, Nachbarn oder Verwandten.
Mavis Musakwa, Simbabwe
Mitglieder der RWA mit traditionellem Saatgut. Suurbraak, Westkap, Südafrika.
Bewahrt immer eine Handvoll auf
Wenn du dein Saatgut verlierst, fühlst du dich nackt. Denn als Frauen sind wir tief mit der Natur verbunden.
Chengetai Zonge, Makoni, Simbabwe
Von rechts nach links und oben nach unten: Marta Luis, Kamavota, Maputo, Mosambik; Janice Fielies, Mcgregor, Western Cape, Südafrika; Lucinda Ntimane, Palmeira, Maputo, Mosambik; Moipone Jwayi Bloemfontein, Free State, Südafrika; Malerato Letsela, Monontsa, Butha-Buthe, Lesotho; Ntsoaki Mekhoe, Botshabelo, Free State, Südafrika; Elsie Sauls, Zolani, Western Cape, Südafrika; Veronica Zulu, Kanakantapa, Chongwe, Sambia; Magrieta Prins, De Doorns, Western Cape, Südafrika.
Wenn Frauen das Land besitzen
Saatgut und Land sind untrennbar miteinander verbunden – wie Huhn und Ei. Ohne Land findet kein Samenkorn seinen Platz zum Wachsen. Ohne Saatgut verliert die Erde ihre Stimme.
Wenn Frauen Land besitzen und über seine Nutzung selbst bestimmen können, entfaltet sich ihre Kraft. Dann können sie Leben nähren, Gemeinschaften stärken und Zukunft gestalten.
Thandiwe Chidavarume, Simbabwe
Von links nach rechts: Benenia Jeche, Thandiwe Chidavarume, Tsitsi Ndawana. Makoni, Manicaland, Simbabwe.
Die Rural Women’s Assembly (RWA) ist eine unabhängige und selbstorganisierte Bewegung von Frauen aus ländlichen Gemeinschaften im südlichen Afrika – von Kleinbäuerinnen, Saatguthüterinnen und bäuerlichen Produzentinnen. 250 Frauen gründeten 2009 die RWA unter dem Motto „Hüterinnen von Land, Leben und Liebe.“
Mehr als ein Jahrzehnt später verbindet die Bewegung über 150.000 Frauen in zehn Ländern des südlichen Afrikas. Sie eint die Überzeugung, dass Landfrauen nicht nur die Grundlage der Ernährung ihrer Gemeinschaften sichern, sondern auch Hüterinnen von Land, Leben, Saatgut und Wissen sind.
Die RWA ist tief in den Dörfern und ländlichen Gemeinschaften der Region verwurzelt. Sie ist aus gemeinsamen Kämpfen entstanden: für den Schutz traditionellen Saatguts und des über Generationen weitergegebenen Wissens gegen die Vereinnahmung durch Agrarkonzerne; für Landrechte, Klimagerechtigkeit und Ernährungssouveränität; gegen patriarchale Gewalt und Ausgrenzung; und für ein selbstbestimmtes weibliches Führungsverständnis, das Frauen ermutigt, ihre Stimmen zu erheben und ihre eigenen Anliegen zu vertreten.
Die RWA schafft Räume, in denen Frauen voneinander lernen, gemeinsam handeln und ihre Zukunft selbst gestalten.
„Diese fotografische Dokumentation und die Forschung, aus der sie entstanden ist, markieren den Beginn einer neuen und bedeutenden Etappe. Sie erzählen von Frauen, die seit Generationen Wissen bewahren und die Zukunft ihrer Gemeinschaften sichern. Die Schwestern der RWA sind Hüterinnen von Saatgut und Land. Doch ihre Arbeit bleibt oft unsichtbar und wird nur selten anerkannt. Diese Ausstellung gibt ihrer Arbeit Raum und macht sichtbar, was so lange übersehen wurde. Sie lädt dazu ein, neu über Saatgut nachzudenken – als Grundlage von Leben, Wissen, Unabhängigkeit und Zukunft. Und sie eröffnet einen Raum für gemeinsames Lernen und Handeln.“ Mercia Andrews, Western Cape, Südafrika
Die Kurator:innen
Diese fotografische Dokumentation wurde von drei aktivistischen Forscher:innen konzipiert und umgesetzt. Ihre Arbeit verbindet wissenschaftliche Forschung mit langjährigem Engagement für soziale Gerechtigkeit, feministische Perspektiven und die Stärkung ländlicher Gemeinschaften.
Dr. Daniel Chavez (Uruguay) istvisueller Anthropologe und Politökonom mit Sitz in den Niederlanden. Er studierte Sozialanthropologie in Montevideo und Entwicklungsforschung in Den Haag. Er koordinierte das GreenPaths-Projekt des Transnational Institute (TNI) in Amsterdam und arbeitete als Senior Research Associate an der University of Johannesburg.
Dr. Donna Andrews (Südafrika), Politökonomin und feministische Theoretikerin forscht am Ethics Lab des Neurowissenschaftlichen Instituts der University of Cape Town zu den Bedeutungen und Praktiken von Solidarität. Von 2013 bis 2019 koordinierte sie die feministischen Schulen der RWA. Sie promovierte in Politischer Theorie an der UCT.
Dr. Suzall Timm (Südafrika) legtihrenSchwerpunkt als Kriminologin auf Regulierung und informellen Ökonomien. Sie lehrt am Department of Anthropology and Development Studies der University of Johannesburg. Gemeinsam mit Dr. Andrews entwickelte sie den Kurs Radical Activism: Epistemology, Agency and Positionality. Sie promovierte in Kriminologie an der University of Cape Town.
Forschungsethik
Dieses foto-dokumentarische Forschungsprojekt wurde von der Ethikkommission der Fakultät für Geisteswissenschaften der University of Johannesburg geprüft und genehmigt (Referenznummer: REC-01-036-2021). Für alle Zitate sowie für sämtliche Fotografien der Frauen und der abgebildeten Kinder unter achtzehn Jahren wurde eine informierte Zustimmung eingeholt. Das Projekt orientiert sich an internationalen, nationalen und institutionellen Richtlinien für einen respektvollen und verantwortungsvollen Umgang mit allen Beteiligten. Es erfüllt die geltenden ethischen und rechtlichen Standards und versteht Forschung als einen Prozess, der auf Vertrauen, Respekt und gegenseitiger Verantwortung beruht.
Werkstatt Ökonomie/KASA
Die Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika (KASA) ist ein Projekt der Werkstatt Ökonomie und arbeite seit 30 Jahren zu Fragen sozioökonomischer Gerechtigkeit im Südlichen Afrika und hier.
Simone Knapp ist Ethnologin und Referentin der KASA und Geschäftsführerin der Werkstatt Ökonomie.
Südafrika Form NRW
Das Südafrika Forum NRW unterstützt Begegnungen und Austausch zwischen Südafrika und Nordrhein-Westfalen und trägt zum gemeinsamen, internationalen Lernen bei - in den Projekten und Kooperationen stehen vielfältige Themen im Mittelpunkt.
Vera Dwors ist Geografin und arbeitet seit vielen Jahren als Promotorin für entwicklungspolitische Bildungsarbeit für das Eine Welt Netz NRW und als Geschäftsführerin des Südafrika Forum NRW.
Sambia – Ein Land im Wandel Globale Krisen, Rohstoffe und die Suche nach einer gerechten Entwicklung 24. Okt. 18.00 Uhr , Welthaus, Rosental 1, 44135 Dortmund