Das Überleben des Völkermords an den Herero – Ein persönliches Zeugnis aus der Diaspora

Die Rede hat Pfarrer Rupert Tjitee Isaac Hambira bei der Konferenz des Ökumenischen Rates der Kirchen "Berlin 1884–1885 und der Rassismus gegenüber Schwarzen: Auf der Suche nach einer gemeinsamen antirassistischen ökumenischen Vision", die vom 17.-20. Mai 2025 in Berlin stattfand, gehalten. Die Originalversion der Rede auf Englisch ist unten angehängt. 

 

*English Version below*  

Intervention: Das Überleben des Völkermords an den Herero – Ein persönliches Zeugnis aus der Diaspora

Vielen Dank für die Gelegenheit, diese Überlegungen zu äußern.

Als Nachkomme von Überlebenden des Völkermords an den Herero, der in der Diaspora lebt, spreche ich nicht aus historischer Distanz, sondern aus der anhaltenden Realität der vererbten Vertreibung. Der Völkermord endete nicht im Jahr 1908; er hat unser Volk zerrüttet und uns über Kontinente verstreut, wodurch eine Entwurzelung entstanden ist, die unser Leben bis heute prägt. Für diejenigen von uns, die weit weg von Namibia geboren und aufgewachsen sind, bedeutet Überleben mehr als nur am Leben zu bleiben – es bedeutet, Fragmente unserer Identität, Erinnerung und Kultur in Ländern, die uns weder verstehen noch vollständig akzeptieren, mit aller Kraft zu bewahren.

Allzu oft werden wir unsichtbar gemacht – sogar in Gesprächen über unseren eigenen Völkermord. Unsere Stimmen werden zum Schweigen gebracht, unsere Erfahrungen marginalisiert und unsere Anwesenheit in Prozessen, die angeblich historische Gerechtigkeit anstreben, außer Acht gelassen. Wir werden von den Ländern, in denen wir jetzt leben, nicht vollständig anerkannt, wo unsere Staatsbürgerschaft an Bedingungen geknüpft ist und unsere Zugehörigkeit regelmäßig in Frage gestellt wird. Wir werden auch nicht angemessen in nationale oder internationale Mechanismen einbezogen, die sich mit den Verbrechen der Vergangenheit befassen.

Doch die Aussicht auf eine Rückkehr bietet keine Gewähr für eine Wiederherstellung. Die Ländereien unserer Vorfahren, die uns mit Gewalt genommen wurde, bieten keine klaren Aussichten mehr auf Würde oder Chancen für uns. Sie wurden kommodifiziert, neu definiert und eingezäunt - politisch und materiell -, sodass eine Rückkehr eher eine symbolische Illusion als ein realistischer Weg ist. Wir leben in einer Schwebe – entwurzelt in unserer Gegenwart und ungewiss über unsere Zukunft. Unsere Enteignung ist nicht nur eine historische Tatsache, sondern eine strukturelle und andauernde Realität, die zutiefst persönlich und zutiefst ungerecht ist.

In diesem Grenzraum ist unser Kampf nicht nur eine Suche nach Erinnerung, sondern eine Forderung nach Gerechtigkeit. Gerechtigkeit, die weder unsere Vertreibung auslöscht noch unsere Rückkehr romantisiert. Gerechtigkeit, die unseren zerbrochenen Zustand anerkennt und auf Inklusion, Wiedergutmachung und Transformation besteht – wo auch immer wir sind.

Unsere Sprachen verblassen. Unsere Rituale verlieren an Bedeutung. Unser Zugehörigkeitsgefühl steht zur Debatte. Und doch halten wir durch. Wir bilden Gemeinschaften, so fragil sie auch sein mögen. Wir erzählen Geschichten, so zerbrochen sie auch sein mögen. Wir erinnern uns – auch wenn die Geschichtsbücher vergessen.

Als Herero in der Diaspora zu leben bedeutet, mit sich überschneidenden Dimensionen von Enteignung zu leben: von Land, von Stimme, von politischer Anerkennung und manchmal auch von Hoffnung. Aber unsere Geschichte ist nicht nur eine Geschichte des Opferdaseins. Wir sind auch mit kultureller Auslöschung, Identitätsfragmentierung und dem ständigen Druck konfrontiert, uns in dominante Kulturen zu integrieren, die uns zu ewigen Außenseitern machen. Wir leben als Bürger zweiter Klasse – nicht nur in rechtlicher Hinsicht, sondern auch in unserer täglichen Lebenserfahrung, in der uns die Würde der vollen Teilhabe und Sichtbarkeit verwehrt wird.

Doch selbst im Exil bleibt die Identität der Herero bestehen. Wir sind Hüter eines lebendigen Zeugnisses – eines heiligen Erbes, das historische Amnesie und koloniale Verleugnung herausfordert. Unsere fortdauernde Präsenz ist ein Akt des Widerstands gegen die Auslöschung. Jede kulturelle Wiederbelebung, jede Bekräftigung unserer Identität, jeder Akt des Gedenkens und des Widerstands ist eine Erklärung, dass wir immer noch hier sind. Für uns ist Überleben nicht passiv – es ist Widerstand. Es ist intentional. Es ist transformativ. Wir sind nicht nur Nachkommen von Opfern; wir sind Träger von Würde, Widerstandsfähigkeit und moralischer Autorität.

Aus dieser Position heraus lehnen wir als Nachkommen der Herero und Nama in der Diaspora – gemeinsam mit unseren Mitstreitern im Mutterland – die aktuellen sogenannten „Versöhnungs-“ Verhandlungen zwischen Deutschland und Namibia entschieden ab. Wir lehnen nicht nur deren Inhalt ab, sondern auch deren Struktur, die uns systematisch ausgeschlossen hat. Wir bekräftigen einen Grundsatz, der uns lange Zeit verwehrt wurde: Nichts für uns ohne uns.

Dieses Abkommen ist kein Zeichen echter Rechenschaftspflicht – es ist eine kalkulierte Vermeidung. Es ersetzt die moralische Verpflichtung zu Reparationen durch Entwicklungshilfe, die als Wohltätigkeit getarnt ist. Es ist nicht von Reue über den Völkermord getrieben, sondern von strategischer Zweckmäßigkeit. Es weigert sich, sich mit den Ideologien auseinanderzusetzen – rassistische Vorherrschaft, Pseudowissenschaft und extraktiver Kapitalismus –, die die Vernichtung unserer Vorfahren ermöglicht und gerechtfertigt haben. Es ist keine bedeutende Veränderung in der Denkweise erkennbar. Es ist keine echte Aufarbeitung sichtbar.

Und es kann nicht richtig sein, dass in einem Prozess, der der Aufarbeitung von Gräueltaten dienen soll, Deutschland – der eigentliche Täter des Völkermords – die doppelte Rolle des Spielers und des Schiedsrichters einnimmt. Eine solche Regelung ist moralisch unvertretbar und strukturell ungerecht. Wahre Versöhnung erfordert mehr als symbolische Gesten. Sie erfordert Gerechtigkeit, die in der Wahrheit verwurzelt ist, von Inklusion geprägt ist und durch echte Transformation gestützt wird. Bis ein solcher Prozess verwirklicht ist, werden wir nicht zustimmen. Wir werden weiterhin die Legitimität dieser Verhandlungen anzweifeln.

Allen, die uns hören, sagen wir: Gerechtigkeit muss Grenzen überschreiten. Heilung muss auch die Verstreuten einschließen. Und eine echte Aufarbeitung des Völkermords muss nicht nur seine Vergangenheit, sondern auch seine anhaltenden Folgen einbeziehen – die in den Leben derjenigen von uns präsent sind, die weit vom Boden unserer Vorfahren sind, aber dennoch tief mit dessen Erinnerung und Bedeutung verbunden sind.

Wir sind nicht verloren. Wir sind nicht stimmlos. Wir sind nicht ausgelöscht.

Wir sind hier. Und wir werden nicht zum Schweigen gebracht.

Danke.

 

Original:

Intervention: Surviving the Herero Genocide – A Personal Testimony from the Diaspora

Thank you for the opportunity to offer this reflection.

As a descendant of Herero genocide survivors living in the diaspora, I speak not from historical detachment but from the enduring reality of inherited displacement. The genocide did not conclude in 1908; it shattered our people and scattered us across continents, birthing a dislocation that continues to shape our existence. For those of us born and raised far from Namibia, survival has meant more than merely staying alive—it has meant fiercely preserving fragments of identity, memory, and culture in lands that neither understand nor fully accept us.

We are too often rendered invisible—even in conversations about our own genocide. Our voices are silenced, our experiences marginalized, and our presence overlooked in processes that purport to pursue historical justice. We are not fully claimed by the countries where we now reside, where our citizenship is conditional and our belonging routinely questioned. Nor are we adequately included in national or international mechanisms seeking to address the crimes of the past.

Yet, the prospect of return offers no certain restoration. Our ancestral lands, expropriated through violence, no longer hold clear promises of dignity or opportunity. They have been commodified, redefined, and fenced off—politically and materially—rendering return a symbolic mirage more than a viable path. We live in suspension—unrooted in our present, uncertain about our future. Our dispossession is not just a historical fact; it is a structural and ongoing reality, deeply personal and profoundly unjust.

In this liminal space, our struggle is not only a quest for remembrance—it is a demand for justice. Justice that neither erases our displacement nor romanticizes our return. Justice that recognizes our fractured condition and insists on inclusion, redress, and transformation—wherever we are.

Our languages fade. Our rituals weaken. Our sense of belonging is contested. And yet, we endure. We form communities, however fragile. We tell stories, however fractured. We remember—even when history books forget.

To be Herero in the diaspora is to live with overlapping layers of dispossession: of land, of voice, of political recognition, and at times, of hope. But ours is not a narrative of victimhood alone. We also confront cultural erasure, identity fragmentation, and the constant pressure to assimilate into dominant cultures that render us perpetual outsiders. We live as second-class citizens—not only in legal terms, but in daily lived experience, denied the dignity of full participation and visibility.

Yet even in exile, Herero identity endures. We are custodians of a living testimony—a sacred inheritance that challenges historical amnesia and colonial denial. Our continued presence is an act of defiance against erasure. Every cultural revival, every assertion of identity, every act of remembrance and resistance is a declaration that we are still here. For us, survival is not passive—it is resistance. It is intentional. It is transformative. We are not merely descendants of victims; we are bearers of dignity, resilience, and moral authority.

It is from this position that we, as Herero and Nama descendants in the diaspora—together with our counterparts in the motherland—unequivocally reject the current so-called “reconciliation” negotiations between Germany and Namibia. We oppose not only their content but their very structure, which has systematically excluded us. We assert a principle long denied us: Nothing for us, without us.

This agreement is not a gesture of true accountability—it is a calculated evasion. It replaces the moral imperative of reparations with development aid dressed as benevolence. It is not driven by remorse over genocide, but by strategic convenience. It refuses to confront the very ideologies—racial supremacy, pseudo-science, and extractive capitalism—that enabled and justified our ancestors’ destruction. No meaningful change in mindset is evident. No genuine reckoning is visible.

And it cannot be right that, in a process meant to reckon with atrocity, Germany—the very perpetrator of genocide—occupies the dual roles of player and referee. Such an arrangement is morally indefensible and structurally unjust. True reconciliation demands more than symbolic gestures. It demands justice rooted in truth, shaped by inclusion, and backed by genuine transformation. Until such a process is realized, we will not consent. We will continue to contest the legitimacy of these negotiations.

To all who hear us, we say this: justice must cross borders. Healing must include the scattered. And true reckoning with genocide must engage not only its past but its ongoing consequences—present in the lives of those of us far from our ancestral soil, but deeply tied to its memory and meaning.

We are not lost. We are not voiceless. We are not erased.
We are here. And we will not be silenced.

Thank you.

 

 

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