Am zweiten und dritten Tag standen auf dem offiziellen Programm der FFD4 in Sevilla sowohl „Multi-Stakeholder Round Tables“ als auch „Plenary Meetings“. Hier bestand die Möglichkeit, als Beobachter zuzuhören. Aufgrund der bereits bekannten Schwächen des Abschlussdokumentes (Compromiso de Sevilla), der selbst von einigen offiziellen Delegationen als zu unkonkret, zu unverbindlich und als Rückschritt verglichen mit dem Aktionsplan von Addis Abeba kritisiert wurde, hatte ich beschlossen, die offiziellen Verhandlungen nicht mehr zu verfolgen und stattdessen, die Zeit in Sevilla ausschließlich für Vernetzung, Austausch und Diskussionen im Rahmen von Side-Events zu nutzen. Sowohl am 01. Juli (2. Tag) als auch am 02. Juli nutzte ich alle Zeitslots und blieb aktiv von 08:30 bis 18:00, wobei jede Veranstaltung 90 Minuten dauerte und dazwischen 30 Minuten Pause vorgesehen wurden. Von den 10 Side-Events, die ich an diesen beiden Tagen besuchte, wurden sieben von Institutionen organisiert, die in Afrika ansässig sind: Finanzinstitutionen, Stiftungen und NGOs. Die drei anderen wurden von der UN, von der EU und von der EITI (Extractive Industries Transparency Initiative) angeboten. Die Kernbotschaft bei all diesen Side-Events wurde in der Überschrift trefflich zum Ausdruck gebracht, die die UNACTAD für eins ihrer Side-Events formuliert hat: „Unlocking the virtuos Circle: From financing for development to financing from development“. Hier wurde der notwendige Perspektivwechsel in der Entwicklungsfinanzierung thematisiert: weg von der Perspektive der Entwicklungshilfe und der Mobilisierung von Kapital im Ausland hin zur Generierung, bzw. Nutzung des eigenen Kapitals in den betroffenen Ländern für ein langfristiges Wachstum. Für Afrika ist es für die Verwirklichung dieser Perspektive dringend notwendig, die Mobilisierung nationaler Ressourcen durch eine konsequente Bekämpfung von Korruption und Illicit Financial Flows zu verstärken und zugleich die Steuerbasis zu erweitern (Bridging the ODA Gap – Mobilising Revenues from the Extractive Sector). Die somit geschaffenen finanziellen Handlungsspielräume sollen konsequent in die Industrialisierung investiert werden, damit die Länder Afrikas die unterste Ebene globaler Lieferketten verlassen können, auf der sie sich in der aktuellen globalen Arbeitssteilung als Rohstofflieferanten befinden.
Dafür werden sich die Länder Afrikas mit einer Industriepolitik auseinandersetzen müssen, die mit einer kritischen und schonungslosen Evaluierung ihrer existierenden Handels- und Investitionsabkommen mit anderen Weltregionen einhergeht. Dieser Aspekt war im Mittelpunkt eines Side-Events der African Development Bank (Shaping the future of Financing for Development in Africa admist Trade Wars) und der Allianz zivilgesellschaftlicher Organisationen zum Monitoring der Entwicklungsfinanzierung (Trade, Development and Climate Justice in Times of turbulent multilateral Relations: Beyond Sevilla). Über die Überprüfung ihrer Außenhandelsbeziehungen hinaus gilt es für die Länder Afrikas die Hausaufgaben zu erledigen, damit die Panafrikanische Freihandelszone (AfCFTA) effektiv wird und für Afrika funktioniert. In ihrer aktuellen Gestaltung droht sie Gefahr, mittels schwacher Ursprungsregeln und/oder zu weitgehender Freihandelsabkommen von der EU, China und anderen ökonomisch stärkeren Regionen oder Ländern ausgenutzt zu werden. Zu diesen Hausaufgaben gehören Investitionen in Infrastrukturen für Transport, Energie, Grenzposten, Bildung und Ausbildung und vor allem für eine breit angelegte Industrialisierung, die alle relevanten Bereiche der Produktion umfasst. Nur so können die Länder des Kontinents die zahlreichen energetischen, mineralischen und agrarischen Potentiale des Kontinents nutzbar machen, die Abhängigkeit von Rohstoffexporten reduzieren, ihre Ökonomien diversifizieren und die AfCFTA funktionsfähig machen, da die verschiedenen Länder afrikanischen Kontinents in ihren unterschiedlichen Regionen genug Produkte und Dienstleistungen hätten, um durchgehend miteinander Handel betreiben zu können.
Würden die Länder Afrikas diesen Weg gehen und langfristig gestalten, würden sie es schaffen, Kapital durch Transformation der Ökonomien und Verwaltungsstrukturen zu generieren. In All von mir besuchten Side-Events wurde deutlich gemacht, dass es nicht darum geht, den Eindruck zu erwecken, dass Afrika kein Teil der globalen Finanzarchitektur sei. Es geht eher darum, aus der Tatsache, dass die existierende globale Finanzarchitektur nicht für Afrika funktioniert und wahrscheinlich nie funktionieren wird, wie ein Funktionär der Afrikanischen Union es zum Ausdruck brachte, bis der Kontinent Gegenmacht entwickelt. Weil Entwicklungsfinanzierung durch „Entwicklungshilfe“ rückläufig ist und Industrieländer kein Interesse zeigen, die internationale Finanzarchitektur und das Welthandelssystem zu reformieren, von denen sie profitieren, ist es für afrikanische Länder an der Zeit, sich auf das zu konzentrieren, was sie selbst gestalten können: die Ressourcen, die sie bereits generieren, aber durch die Manipulationen von transnationalen Konzernen, die Ineffizienz der Verwaltungen und die Korruption der eigenen Eliten verloren gehen, endlich zu kontrollieren und die produktivsten Bereiche zur Ankurbelung lokaler Potentiale zu lenken. Die Potentiale (agrarische, energetische, mineralische Ressourcen, Humankapital) des afrikanischen Kontinents sind groß. Diese gilt es trotz der aktuellen Finanzarchitektur und des Welthandelssystems zu entfalten.



