MC14 in Yaoundé:
Auch in Yaoundé findet am Rande der Ministerialkonferenz 2026 der WTO ein Trade and Sustainability Hub 2026 statt. Dieser wird seit mehreren Jahren parallel zu den Ministerialkonferenzen vom International Institute for Sustainable Development (IISD) gemeinsam mit Partnern organisiert. Er ist als Raum konzipiert, in dem Vertreter:innen aus Regierungen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammenkommen, um zu diskutieren, wie Handelspolitik gestaltet werden kann, um aktuellen globalen Herausforderungen zu begegnen und nachhaltige Entwicklung zu fördern.
Am ersten Tag des Hubs fanden zahlreiche Diskussionsrunden statt. Von den drei Sessions, an denen ich teilnahm, möchte ich hier eine hervorheben. Sie trug den Titel “Trade cooperation on Africa’s critical minerals: Pathways for equitable clean energy transitions and sustainable development” und wurde vom Forum on Trade, Environment and the SDGs (TESS), der United Nations Economic Commission for Africa (UNECA) und der United Nations Conference on Trade and Development (UNCTAD) organisiert. Vertreten waren unter anderem die African Union Commission, ODI Global, das Cameroon Economic Policy Institute (CEPI) sowie UNECA.
Alle Panelist:innen waren sich einig, dass Afrika seine Abhängigkeit von Rohstoffexporten überwinden muss. Ebenso bestand Konsens darüber, dass das zentrale Problem nicht im Mangel an politischen Strategien liegt. Mit der African Mining Vision und der panafrikanischen Freihandelszone (AfCFTA) verfügt der Kontinent über ambitionierte Visionen und politische Instrumente, um seine mineralischen Ressourcen stärker im eigenen Interesse zu nutzen.
Als zentrale Herausforderung wurde die mangelnde Umsetzung dieser Strategien benannt. Diese Diagnose greift jedoch zu kurz. Denn nicht nur fehlende kollektive Maßnahmen verhindern Fortschritte, sondern auch die Politik einzelner Staaten untergräbt aktiv die kontinentalen Visionen. Beispiele hierfür sind der Lobito-Korridor sowie bilaterale Handelsabkommen wie das EU-Kenia-EPA.
Lobito-Korridor als koloniales Gebilde
Ein Panelist nannte den Lobito-Korridor – ein Eisenbahnprojekt zur Verbindung rohstoffreicher Regionen Sambias und der DR Kongo mit dem angolanischen Atlantikhafen Lobito – als Beispiel für regionale Integration. Diese Sichtweise blendet jedoch sowohl die Entstehungsgeschichte als auch die tatsächliche Ausrichtung des Projekts aus. Der Korridor dient nicht primär der strukturellen Transformation der beteiligten Volkswirtschaften (Angola, Sambia, DR Kongo), sondern vor allem geostrategischen Interessen der USA und der EU. Ziel ist es, den Zugang zu kritischen Rohstoffen wie Kupfer, Kobalt und Lithium zu sichern und bestehende Handelsrouten – insbesondere über den Indischen Ozean – umzulenken. Für die EU ist der Korridor Teil der Infrastrukturstrategie „Global Gateway“, für die USA ein zentrales Projekt zur Reduzierung des chinesischen Einflusses in Afrika. Er gilt zudem als Leuchtturmprojekt der G7-Initiative „Partnership for Global Infrastructure and Investment“ (PGII). Das Problem liegt jedoch weniger in der geopolitischen Dimension als in der Fortsetzung kolonialer Muster: Das zugrunde liegende Modell bleibt extraktivistisch. Regionale Wertschöpfungsketten entlang des Korridors sind nicht vorgesehen. Zwar existieren Programme wie „Orange Corners“, die unternehmerischen Initiativen fördern. Doch diese bleiben kleinteilig und isoliert. Projekte wie Trainings zur Weiterverarbeitung landwirtschaftlicher Produkte haben weder das Volumen noch die strukturelle Wirkung, um den Export unverarbeiteter Rohstoffe auszugleichen oder echte industrielle Transformation zu ermöglichen.
Damit steht der Korridor im Widerspruch zur African Mining Vision, die einen diversifizierten, wertschöpfungsschaffenden und wettbewerbsfähigen Bergbausektor anstrebt. Es stellt sich daher die grundlegende Frage: Welchen Wert haben solche kontinentalen Strategien, wenn nationale Entscheidungen sie systematisch unterlaufen?
AfCFTA: Gefahren ernst nehmen
Die AfCFTA gilt als zentrales Projekt der Agenda 2063 der Afrikanischen Union und wird häufig als strategische Antwort Afrikas auf globale Herausforderungen dargestellt. Diese Sichtweise bleibt jedoch unvollständig. Zwei zentrale Probleme werden oft ausgeblendet:
Erstens die Inkohärenz nationaler Politiken mit den Zielen der AfCFTA. Zweitens die Gefahr, die AfCFTA isoliert zu betrachten.
Ein Beispiel für politische Inkohärenz ist Kenia. Das Land hat in den letzten Jahren mehrere bilaterale Handelsabkommen abgeschlossen – unter anderem mit der EU, dem Vereinigten Königreich und den USA. Dies geschieht, obwohl Kenia Teil der Ostafrikanischen Gemeinschaft (EAC) ist, die als Baustein der AfCFTA gedacht ist. Solche Alleingänge bergen erhebliche Risiken: Sie ermöglichen es, dass Produkte aus Drittstaaten über einzelne Länder in regionale Märkte gelangen und so regionale Integrationsprojekte unterlaufen. Die Afrikanische Union verfügt bislang über kaum wirksame Instrumente, um solchen Entwicklungen entgegenzuwirken. Darüber hinaus ist die AfCFTA nicht als isoliertes Projekt konzipiert. Sie ist eingebettet in die umfassendere Strategie Boosting Intra-African Trade (BIAT), die sieben zentralen Säulen umfasst: Handelspolitik, Handelserleichterung, Handelsfinanzierung, Handelsinformation, Integration von Produktionsfaktoren, Produktionskapazitäten sowie Handelsinfrastruktur. Die AfCFTA adressiert vor allem die handelspolitische Dimension. Ohne Fortschritte in den anderen Bereichen bleibt sie jedoch strukturell unterausgelastet. Damit wird deutlich: Das zentrale Problem Afrikas ist nicht primär mangelnder Marktzugang, sondern fehlende strukturelle Transformation. Diese erfordert den Aufbau industrieller Kapazitäten, regionaler Wertschöpfungsketten, Infrastruktur sowie inklusiver Finanzsysteme. Eine AfCFTA ohne diese Voraussetzungen bedeutet letztlich Liberalisierung vor Industrialisierung – ein Ansatz, der langfristig nur wenigen Ländern zugutekommt.
Fazit
Die AfCFTA wird international als Meilenstein gefeiert. Ohne die strukturellen Voraussetzungen der BIAT-Strategie droht sie jedoch zu einem normativen Projekt ohne transformative Wirkung zu werden. Gleichzeitig unterminieren externe Akteure – insbesondere die EU sowie die bestehende WTO-Ordnung – jene politischen Spielräume, die für eine erfolgreiche afrikanische Integration notwendig wären. Die zentrale Frage der MC14 lautet daher: Wird der Welthandel zur Grundlage struktureller Transformation – oder bleibt er ein Instrument zur Reproduktion bestehender Ungleichheiten? Panafrikanische Institutionen und alle, die es gut meinen mit Afrika, sollten diese Frage nicht nur immer neu gegenüber der WTO und allen, die von ihr profitieren, stellen, sondern auf dem afrikanischen Kontinent die Voraussetzungen schaffen, um die Veränderungen aufzuzwingen.



