Rost im Sand

Kolonialnostalgie in Namibia und die blinden Flecken deutscher Erinnerung

Wer durch Swakopmund spaziert, könnte für einen Moment glauben, er sei in einem architektonisch leicht verrutschten Nordseebad gelandet. Jugendstilfassaden, deutsche Straßennamen, Konditoreien mit Schwarzwälder Kirschtorte. Es ist die sichtbarste Hinterlassenschaft der deutschen Kolonialherrschaft in Namibia – und zugleich Projektionsfläche einer bis heute wirksamen Nostalgie.

Zwischen 1884 und 1915 war das heutige Namibia als „Deutsch-Südwestafrika“ deutsche Kolonie. Der Kolonialkrieg gegen die OvaHerero und Nama mündete 1904–1908 in einen Vernichtungskrieg. Zehntausende wurden in die Omaheke-Wüste getrieben, verhungerten, verdursteten, starben in Lagern. Historiker:innen bezeichnen diese Verbrechen seit Langem als ersten Genozid des 20. Jahrhunderts. Deutschland hat dies 2021 mit substanziellen Einschränkungen anerkannt; verweigert sich aber bis heute der Debatte um die juristischen Konsequenzen und damit angemessener Reparationen.

Für die Mehrheit der namibischen Bevölkerung – insbesondere für die Nachfahren der OvaHerero und Nama – ist diese Geschichte kein fernes Kapitel. Sie prägt Landverteilung, Besitzverhältnisse, ökonomische Ungleichheit. Große kommerzielle Farmen befinden sich weiterhin überwiegend in weißem Besitz. Strukturelle Disparitäten sind kein Relikt der Vergangenheit, sondern gelebte Gegenwart.

Die Minderheit und ihre Erinnerung

Die deutschsprachige Minderheit Namibias – etwa zwei Prozent der Bevölkerung – ist sozial und ökonomisch überdurchschnittlich gut gestellt. Ihre Haltung zur Kolonialgeschichte ist nicht homogen. Es gibt vor allem junge engagierte Stimmen, die Dialoge suchen, historische Verantwortung anerkennen und sich klar gegen Verharmlosung positionieren. Gleichzeitig existiert ein Milieu, in dem Kolonialzeit vor allem als kulturelles Erbe erinnert wird: als Epoche von „Ordnung“, „Infrastruktur“, „europäischer Zivilisation“.

Deutschsprachige Medien wie die Allgemeine Zeitung berichten durchaus über Genozid-Debatten und bilaterale Verhandlungen. Doch die Tonlage schwankt: zwischen nüchterner Information, defensiver Selbstvergewisserung und gelegentlicher Relativierung. In Leserbriefspalten wird die Anerkennung des Genozids bisweilen als „politische Instrumentalisierung“ gedeutet; Reparationsforderungen erscheinen als Zumutung gegenüber heutigen Generationen.

Diese Perspektive ist nicht einzigartig für Namibia. Sie spiegelt auch deutsche Debatten, in denen koloniale Gewalt lange marginalisiert wurde. Der Unterschied: In Namibia stehen Nachfahren von Täter- und Opfergruppen einander im Alltag gegenüber – auf dem Markt, in der Schule, im Parlament.

Autowracks im Sand: Zwei Lesarten

Wer durch die Namib fährt, stößt immer wieder auf verrostete Autowracks. Alte Pick-ups, Limousinen aus den 1960ern, manchmal kunstvoll arrangiert oder dekoriert. Für Tourist:innen aus Europa sind sie Fotomotive: Sinnbilder einer melancholischen Weite, ästhetisierte Relikte einer vergangenen Zeit.

In Reiseblogs und Bildbänden erscheinen sie als romantische Artefakte einer „wilden“ Landschaft. In diesem Blick schwingt oft eine unbewusste Nähe zur Kolonialnostalgie mit: Das Alte wird zum Charme, der Verfall zur Kulisse.

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Für viele Schwarze Namibier:innen hingegen sind diese Wracks keine Metaphern, sondern materielle Realität. Sie erzählen von Distanzen ohne Infrastruktur, von Reparaturen, die man sich nicht leisten kann, von Fahrzeugen, die ausgeschlachtet werden, um ein anderes am Laufen zu halten. Sie sind Teil einer Ökonomie des Mangels. Niemand „dekoriert“ sie aus sentimentalen Gründen; sie bleiben stehen, weil Abschleppen teuer ist und Prioritäten anders gesetzt werden müssen.

Hier verdichtet sich eine gesellschaftliche Asymmetrie: Was für die einen ästhetischer Nostalgieraum ist, ist für die anderen Überbleibsel eines Überlebenskampfes.

Erinnerung ohne Romantisierung

Deutschsprachige Namibier:innen müssen sich der Frage stellen, wie ihre Identität jenseits kolonialer Verklärung aussehen kann und auch von sich aus einen ehrlichen Dialog suchen. Sie müssen ihren Blick in die Realität richten und verstehen, dass die Landverteilung wie sie jetzt ist, keine Zukunft hat, dass es nie ein weites, leeres Land gab, das sie „zivilisiert“ haben. In Gesprächen wird häufig auf die gemeinsame Zukunft verwiesen, dass alle ein Interesse hätten, diese aktiv zu gestalten. Doch die Privilegierten müssen endlich begreifen, dass es für viele Menschen in Namibia keine Zukunft gibt, solange die Verbrechen der Vergangenheit nicht aufgearbeitet sind und Wiedergutmachung geleistet worden ist.

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Die Autowracks in der Wüste rosten weiter. Sie könnten Mahnmale sein – nicht für eine vermeintlich „goldene“ Vergangenheit, sondern für eine Geschichte, die bis in die Gegenwart wirkt. Entscheidend ist, wer sie betrachtet – und mit welchem Bewusstsein.

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